Der pädagogische Faden

Die CD holt das breite Publikum erst mal genau da ab, wo es durch die Medien im Laufe der letzten Jahrzehnte hingeführt worden ist: beim Konsum von musikalischen Häppchen in Werbespots und  -leider zunehmend- auch in Rundfunksendungen (Auszüge aus Sinfonien, Ausblenden mitten in der Musik etc.).
Beim oberflächlichen Hören bedient OPERA ULTIMATIVA genau diese Hörgewohnheiten: nur Highlights, alles zum Mitsingen, aber auch nur soweit, wie man die Melodien gerade noch kennt.
Das Begleitheft sollte nun das Korrektiv sein: der Papier gewordene pädagogische Zeigefinger, der den Hörer sukzessive wieder den Weg zum ganzheitlichen Hören weist.
Erster pädagogischer Schritt: das Opernquiz. (Die Idee dazu kam übrigens von außerhalb und wurde auch bereits in der Silvestervorstellung von DIE DREI MUSKETIERE realisiert.)
Hier wird der Ehrgeiz angestachelt, und vor allem: Es zwingt schon mal zum genauen Hinhören. Die Multiple-Choice-Form ist durch die tägliche Überdosis an Quizsendungen hinlänglich bekannt und vertraut.
Zweiter pädagogischer Schritt: eine Story, die streng an der Musik entlangläuft, dabei alles unter einen großen Zusammenhang stellt und außerdem Stoff zum Träumen und Lachen bietet.
Diese Story musste natürlich auch ultimativ sein , d.h. alle Ingredienzien eines typischen Oper(ette)nlibrettos in sich vereinen. Das Wichtigste: Sex&Crime, dann ein unterdrücktes Volk zum sich damit Identifizieren, ein bisschen Kirche, ein bisschen Monarchie (die Queen) und schließlich eine höhere Macht, die alles Ungemach wieder zum Guten wendet.
Natürlich hat dass alles an einem konkreten repräsentativen Opern-Ort stattzufinden. Nichts bietet sich da mehr an als Venedig. (Auf den zweiten Platz käme vielleicht Sevilla oder Wien, dann abgeschlagen schon Paris, Rom...)
Die konkrete Zeit zum Hineinträumen sollte das Barock sein, weit genug weg von der schnöden Gegenwart.
Genau aber die Parameter Zeit und Raum sind die Elemente, an denen sich parodistische Fantasie reibt und entzündet.
Die physikalischen Gesetze des Raumes werden permanent durch die handelnden Personen verletzt, die in anderen Opern und Operetten an ganz anderen konkreten Orten agieren.
Noch schlimmer ergeht es der Zeit: Die handelnden Personen (die meisten verortet man im 19. Jahrhundert) sind allesamt auf Zeitreise. Wenn sie sich dann doch alle im 17. Jahrhundert begegnen, müssen sie aber oft Dinge tun, die man nur seit dem 20. Jahrhundert, also in der Gegenwart tut (Break-Dance). Unterstützt wird das durch das häufige Umkippen der Sprachebene in die heutige Umgangssprache mit typischen Modewörtern.
Weitere parodistische Techniken (u.a.): Seriös daherkommende Regieanweisungen, die den Leser scheinbar zum Verbündeten des Autors machen (Blick hinter die Kulissen), Verballhornungen (Nabucco – Murano), wörtlich genommene, verkürzte Zitate, die -wie oft auch im wirklichen Leben- bewusst falsch interpretiert werden („Belle nuit“ als Lobpreisung nächtlicher Mafia-Aktivitäten, „Champagner hat’s verschuldet“ als Thema einer Bußpredigt).
Nicht zu vergessen die mehr oder weniger verklausulierten Auflösungen aus dem Opernquiz, die durch Nennung der Herkunftsopern noch mal den Finger in die Wunden der Raum- und Zeitverletzungen legt.
(Trotz aller Mühen ist es mir aber nicht gelungen, das Libretto von OPERA ULTIMATIVA so unlogisch aufzubauen wie das des TROUBADOUR und nicht so realitätsfern zu gestalten wie das der ZAUBERFLÖTE.)
Durch die zeitweiligen Zwerchfellerschütterungen ist der Leser nun ganz locker und gut gerüstet für dritten pädagogischen Schritt, der den Fokus allmählich auf die Musik lenkt: die Formen musikalischer Bearbeitungen.
Er dient im Wesentlichen nur zu Vorbereitung für das nachfolgende Kapitel, hält wohl aber für musikalisch Unbedarftere wie auch für musikalisch Bedarftere die eine oder andere interessante Neuigkeit bereit.
Mit dem vierten pädagogischen Schritt betritt der Leser endgültig das reine Reich der Musik.
Aber auch hier ist das Kapitel so aufgebaut, dass selbst der Notenunkundige sich zunächst noch, d.h. solange es um den parodistischen Kompositionsansatz geht, einigermaßen zurechtfindet. (Die Beschreibung der Motive lassen sich mit Fantasie auch graphisch aus den Notenbeispielen herauslesen).
Danach wird es schwierig, weil Grundkenntnisse der Harmonielehre vorausgesetzt sind. Aber auch wenn hier diagonal weitergelesen oder einfach weitergeblättert wird: Das pädagogische Ziel ist insofern erreicht, als vermittelt werden konnte, dass kompositorische Zusammenhänge bestehen, die unmittelbar mit dem Effekt und der Qualität der Komposition zu tun haben. Das veranschaulicht auch für den, der noch nie eine Partitur gesehen hat, das große Partiturbeispiel auf den Seiten 20/21, das durch Text- und Farbzuordnungen gewissermaßen selbsterklärend ist.
Die (pädagogische) Hoffnung bleibt, dass der Leser in Zukunft auch bei anderen musikalischen Werken versucht, ein wenig tiefer hinein zuhören.

Lektorat und Grafik-Gestaltung

Alle diese Texte wurden später dem Lektorat von Susanne von Tobien unterworfen. Sie hat die Texte nicht nur mit Zwischenüberschriften und Hervorhebungen (fett) strukturiert und lesefreundlicher gemacht, sondern auch die eine oder andere verschwurbelte Nebensatzkonstruktion aufgedröselt und als ausgewiesene Musikwissenschaftlerin (Spezialgebiet u.a.: Kastraten) alle musikalischen Termini einer strengen Prüfung unterzogen.

Bei unterschiedlichen Meinungen bezüglich der einen oder anderen Passage fungierte Frau Miville als Schiedsrichterin, brachte sich aber auch immer wieder gestaltend in Text- und Layoutfragen ein.

Während Susanne von Tobien für das Text-Layout (Konsistenz in Großschreibung, Kursiv- und Fettdruck) verantwortlich zeichnete (und insgesamt einen Superjob machte), oblag das graphische Gesamt-Layout dem im Badischen weilenden Hans-Dieter Mayer.

Der brachte das Kunststück fertig, das gefühlte 100-Seiten-Text-Konvolut auf augenfreundliche 22 Seiten zu verstauen.

Ein besonderes Augenmerk war auf die Gestaltung der Umschlagseiten und der Disk-Oberflächen zu richten.

Der ultimative Anspruch des Werktitels wurde auf meinen Wunsch durch das Smiley sowie durch den verschnörkelten Schriftzug quasi in Anführungszeichen gesetzt und dadurch auch graphisch als parodistisches Element entlarvt.

Ein großes Problem lag darin, dem unvorbereiteten Leser auf einen Blick klarzumachen, dass er auf der CD zwei Versionen desselben Stückes vorfindet.

Dazu habe ich das blau abgesetzte Plus! (zum Überdruss bekannt aus vielen Werbespots in Funk und Fernsehen) im Titel beigesteuert. hdm (Hans-Dieter Mayer) kreierte eine „parallele" Titelseite, die die Unterschiede optisch klarmachte. Und natürlich durfte sich hier HAPPY BIRTHDAY nicht mehr völlig hinter Verallgemeinerungen (Intermezzo, Choral spezial) verstecken, sondern musste sich klar und deutlich als The Message outen.

Was hdm sonst noch alles an handwerklichem Knowhow und künstlerischer Kreativität einbrachte, kann ich als Laie nicht kompetent beurteilen und würdigen. Es ringt mir aber große Hochachtung ab.