Die Betitelung

Nach der Fertigstellung der zur Opernparodie hinzukomponierten Teile stellte sich die Frage nach einem adäquaten Titel. „Opernparodie von Herbert Gietzen“ lockt ja keinen hinterm Ofen hervor, zumal „Opernparodie“ nur eine Gattungsbezeichnung ist. Und –wie im Begleitheft erörtert- ist das Werk musikalisch ja auch mehr als eine Parodie.
Also ging ich auf die Suche nach einem aussagekräftigen, unverwechselbaren, ins Auge und Ohr stechenden - ultimativen Titel.
Ja, und da war es, das Wort, das in den letzten Jahren so inflationär wie kaum ein anderes für jedweden medialen Unsinn gebraucht wird. Hat dieses Unwort „ultimativ“ schon die heiligen Hallen der Oper beschmutzt?
Schnell unsere moderne Göttin des Wissens (aber nicht der Weisheit) befragt. Google sagt: „Nein, hat es nicht.“ Also her damit; es ist ja schließlich (auch) eine Parodie!
Allerdings stellt sich der unvoreingenommene Bildungsbürger unter einer OPERA ULTIMATIVA etwas vor, was Wagners Ring, wenn nicht Stockhausens hypertrophen Licht-Zyklus noch toppt.
Also musste ich mit Hilfe eines zu findenden Untertitels etwas zurückrudern, vor allen Dingen, was die angsteinflößenden zeitlichen Ausmaße anbetrifft.
Viele Slogans buhlten um den Einzug aufs Titelblatt, darunter: „Oper für Zeitarme“, „20 Stunden Oper in 7 Minuten“, „Die weltbesten Opern – Der Trailer“ (Letzteres war nicht schlecht, hätte aber wohl manchen konservativen Opernliebhaber verschreckt.)

Sympathisch war mir: „The World of Opera in a Nutshell“. Aber das verlangt zu viel fortgeschrittene Englischkenntnisse. Und so hat schließlich deren freie Übersetzung: „Der langen Opern kurzer Sinn“ das Rennen als Untertitel gemacht, zumal es in diesem Satz auch etwas kryptisch und verballhornt zugeht.
Nun zur Oper aufgestiegen muss das Werk auch deren formale Anforderungen erfüllen, vor allem eine ordentliche Einteilung in Akte und Szenen. Und das war die Gelegenheit, per Überschrift etwas über den Inhalt zu verraten und trotzdem neugierig zu machen.
Schon aus der Mehrsprachigkeit in den Akt- und Szenenbezeichnungen kann man entnehmen, dass der Inhalt auch mehrsprachig ist und/oder dass hier etwas nicht so ganz zusammenpasst.
Dass da tatsächlich was Parodistisches drin sein muss, schließt man aus den Verballhornungen „Das große Lalala“ und „Nessun morta“. Auch will das hinter vorgehaltener Hand heimliche Sünde versprechende „Wenn der Herzog mit der Carmen...“ nicht so recht zum reißerischen Übertitel passen.
Der Opernkenner erkennt an den Überschriften sofort, dass mindestens drei Opern in OPERA ULTIMATIVA vorkommen und weiß, dass der Rigoletto-Herzog bei einer Carmen nichts verloren hat und dass ein „Lieto fine“ bei einer Puccini-Oper musikgeschichtlich wie inhaltlich höchst deplaziert ist.
Apropos Verballhornungen: Es gibt kaum eine Ausgabe einer seriösen Zeitung, etwa der FAZ oder der ZEIT, die in ihren Schlagzeilen und Überschriften ohne irgendeine Verballhornung auskommt. Besonders häufig sind sie in den jeweiligen Feuilletons anzutreffen. (Man sollte mal bewusst darauf achten!)
Der Trick mit den Verballhornungen geht so: Entweder erkennt der (meist gebildete) Leser das zugrunde liegende Original (Slogan, Sprichwort o.ä.). Dann fühlt er sich gebauchpinselt und liest zur Belohnung oder Bestätigung den Artikel. – Oder er erkennt das Original nicht, spürt aber, dass es eins geben muss, und liest den Artikel, um es herauszufinden.
Diese Verführungstechnik wollte ich mir auch zu eigen machen.
HAPPY BIRTHDAY, das ja auch durch einen anderen Text ersetzt werden kann, sollte im Titel nicht explizit vorkommen und wurde mit „Intermezzo“, „Choral spezial“ und „The Message“ sprachlich verhüllt.
Preisfrage P.S.: Wurden in BILD-Schlagzeilen schon mal Verballhornungen gesichtet?