Die Aufnahme

Jeder, der die Interna eines Mehrsparten-Theaters kennt, weiß, wie begehrt die Probenzeiten auf der Hauptbühne sind. Da ist oft ein Hauen und Stechen zwischen den Regisseuren, bei dem manchmal auch Dirigenten involviert sind.

Als das Placet zur CD-Produktion von OPERA ULTIMATIVA Ende der Spielzeit 2008/09 kam, war der Jahres-Dispositionsplan schon längst heraus und alle Bühnentermine vergeben. Und so ist es fast als Wunder zu bezeichnen, dass relativ kurzfristig, nämlich Ende September 2009 ein Aufnahmetermin auf der Hauptbühne anberaumt wurde, der in die Dienstpläne der Kollektive Orchester, Chor und Kinderchor passte und an denen auch alle Gesangs-Soli des Hauses da sein konnten.
Dieser Termin war natürlich auch für die Tonabteilung des Stadttheater Gießen eine große Stunde, und es standen zur Aufnahme 10 Mikrophone zur Verfügung.
Vorher hatte es einige Ensemble- und Chorproben gegeben, aber das Orchester sah das neu geschriebene Material am Aufnahmetermin zum ersten Mal.
Die erste Dreiviertelstunde war für das Lesen und Proben der neu geschriebenen Teile „Preludio sinfonico“, „Happy Birthday“ und „Das große Lalala“ mit dem Orchester allein reserviert. (Den Rest kannte das Orchester noch von den MUSKETIEREN.) Gleichzeitig richtete die Tonabteilung die Pegel für die Mikros ein.
Und dann ging’s schon los mit der Aufnahme. Dabei hörte ich die neu komponierten bzw. arrangierten Teile zum ersten Mal mit dem gesamten Apparat. Anstatt immer wieder hinauf in die Tonkabine zu laufen, um abzuhören und zwischenzeitlich eine Hundertschaft an Menschen, darunter viele Kinder, tatenlos herumsitzen zu lassen, entschied ich mich, lieber mehr Aufnahme-Takes zu machen, in der Hoffnung, dass am Ende jeder Takt irgendwann mal optimal gespielt bzw. gesungen sein würde. (Einen partiturkundigen Tonmeister, der wie bei den Rundfunkanstalten und Plattenfirmen so eine Aufnahmesitzung vom Tonstudio aus leitet, hat das Stadttheater Gießen nicht.)

Schnitt, Abmischung und CD Mastering

Die CD-Produktion auf Basis dieser Aufnahmesitzung erfolgte in mehreren Phasen. Zunächst bekam ich das gesamte Audio-Material für den Rohschnitt, den ich mit dem Audio-MIDI-Programm Cubase (Version 5) besorgte. Anstatt an jedem Takt herumzuschnipseln und ein Pasticcio aus kleinen (fast) fehlerlosen Musiksegmenten zusammenzuschneiden (wie ich mir das vorgestellt hatte), fand ich es am Ende doch sinnvoller, größere Einheiten zu verwenden, die mehr Drive hatten, aber dafür hier und da kleine Ungenauigkeiten im Zusammenspiel und in der Intonation offenlegten – die also, um es positiv zu wenden: mehr Live-Atmosphäre suggerieren.

Die einzigen Gesangssolisten, die den kurzfristig angesetzten Aufnahmetermin nicht wahrnehmen konnten, waren die beiden Gäste Giuseppina Piunti und Adrian Xhema, die seinerzeit die Partien, die sie in OPERA ULTIMATIVA verkörpern, auch schon zur Gänze am Stadttheater Gießen gesungen hatten. Zum Glück konnten wir im Vorfeld ihre Parts a capella aufnehmen. Ich montierte diese Passagen in die bestehende Aufnahme mit Hilfe des Programms Melodyne. Gott sei Dank waren die Tempi ziemlich genau getroffen, und so mussten nur einige Silben etwas gestaucht oder gedehnt werden, was dieses Programm ohne hörbare Artefakte zuwege bringt.

Diesen meinen Rohschnitt hat dann ein Tontechniker des Stadttheaters (Pascal Reinhardt) feinjustiert, und ich habe dann mit ihm zusammen die dynamische Abmischung vorgenommen. Zum Schluss hat er den finalen Hallraum darüber gelegt, und fertig war die Kiste.

Es war für mich höchst faszinierend, so einem Profi bei der Arbeit mit dem Programm Cubase zuzusehen, das ich selbst nur in den Grundzügen beherrsche. Man hat da wirklich den Eindruck, es spielt einer virtuos auf seinem Instrument (mit 10 Tonspuren).

Bei der Einteilung in Tracks gab es beim CD-Mastering noch die Problematik mit den beiden Fassungen. Ich wollte vermeiden, dass es am Ende nach zwei Sekunden einfach wieder von vorne (dann aber mit der HAPPY BIRTHDAY-Version) losgeht. Außerdem sollten die Geburtstagskinder ja genau mit diesem Track starten.

Die logische Folge: Es muss ein Zwischentrack als zeitlicher Puffer eingefügt werden. Ich hatte zunächst mit dem Gedanken gespielt, einen Track der Stille einzufügen. Und da bot sich John Cages berühmt-berüchtigtes 4’33’’ an, das ja aus nichts als Stille besteht und sogar prima in den parodistischen Kontext gepasst hätte. (Diese Idee entstand unabhängig und vor allem lange vor dem berühmt-berüchtigten Neujahrskonzert 2010 des Stadttheater Gießen.)

Aber: Wieviel Prozent der Opernliebhabern wären auf die Pointe gekommen? Viele hätten vielleicht angenommen, die CD oder ihr Player sei defekt. Und womöglich (wahrscheinlich!) wären Tantiemenforderungen auf das Stadttheater Gießen zugekommen. (Übrigens: 4’33’’ kann man bei iTunes für 1,49 € runterladen. – Auf CD gebrannt lässt es sich zusammen mit einer Dose Berliner Luft gut verschenken!)

Und so hat sich Frau Mivilles Anregung, ein Potpourri mit verschiedenen Appläusen einzufügen, durchgesetzt. Track 4 nimmt –hopefully- die Publikumsresonanz auf OPERA ULTIMATIVA als Akzeptanzkurve akustisch vorweg...