Die beiden Textebenen

Beim wiederholten Lesen der Texte trieb mich die Sorge um, dass der Leser das Geschriebene nicht adäquat mit dem auf der CD gehörten verknüpfen könnte. Er müsste die CD etliche Male gehört haben, um in den Kapiteln „Der Strang der Handlung“ und „Mehr als eine Parodie“ jede der im Text angesprochenen Stellen vor Ohren zu haben, oder aber er müsste mit der Partitur bewaffnet und des Partiturlesens mächtig sein.
Ohne letztere Voraussetzung ist die einzige adäquate Lösung zur Verknüpfung von Lesen und Hören ein Film mit den entsprechenden Texten zur laufenden Musik.
Die Erkenntnis, dass man filmisch nicht nur Text und Musik verknüpfen könnte, sondern auch gleichzeitig die beiden zentralen Kapitel des Begleitheftes (Handlungselemente mit musikalisch-motivischem Material), durchfuhr mich irgendwann wie ein Blitz. Damit wäre ja auch der audio-visuelle Beweis erbracht, dass jede Handlungswendung ihre unmittelbare Ursache  in der Musik hat! Und es wäre außerdem augen- und ohrenfällig, welche Motive wo und wie übereinandergeschichtet sind. Und alles in Echtzeit!
Damit war die Idee zur DVD-Produktion geboren. Ich experimentierte erst mal heimlich (man will sich ja gleich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen), und –im Gegensatz zur CD-Produktion und den Texten zum Begleitheft- hatte ich für die DVD-Produktion auch später keine professionelle Unterstützung. (Ich habe auch nie darum gebeten.)
Das erste war, mich in ein für mich neues Computerprogramm einzuarbeiten, das mehrere Filme gleichzeitig abspielen und bearbeiten konnte. Das war Final Cut Express von Apple.
Mit Hilfe des Präsentations-Programms Keynote, ebenfalls von Apple und Pendant zu Microsofts bekanntem Powerpoint, erstellte ich zunächst für jede Textvariante eine eigene Folie, die ich als Bilder im PNG-Format exportierte.
Das waren dann genau 70 Bilder für die Abteilung Musik und 32 Bilder für die Abteilung Handlung.
In Final Cut Express stellte ich 2 übereinanderliegende Videospuren bereit, wobei ich bei der einen die obere Hälfte, bei der anderen die untere Hälfte abschnitt. Eine Stereo-Audiospur liegt da sowieso immer separat darunter, und in die importierte ich die Audio-Datei von OPERA ULTIMATIVA.
Jedes der über 100 Bilder wurde dann einzeln in die jeweilige Videospur gezogen und auf die Musik geschnitten.
Alle Texte auf der Handlungsebene waren natürlich verkürzt und auf der Musikebene sogar nur stichwortartig. Auf jeden Fall wird der Zuschauer die Texte im Begleitheft nach der DVD-Schau mit ganz anderen Augen (wieder) lesen!

Die Partitur als Film

Es war ja noch viel Platz auf der DVD, und so reifte der Entschluss, auch die Partitur in Echtzeit über die Musik zu legen, jetzt aber in der PLUS-Version, in Analogie zur CD, die ja auch die beiden Versionen liefert.

Aber hier gab es etliche Probleme, die nur zum Teil zu überwinden waren. Das grundsätzliche Problem ist die schiere Größe der Partitur mit bis zu 28 Notensystemen pro Seite. Ein Ausdruck im DIN-A4-Format mit der Höhe von knapp 30 cm wäre für den Dirigenten schon eine herbe Zumutung. Nicht umsonst ist die Höhe von solchen Partituren in der Regel 35 – 40 cm. Wenn sie auf dem Dirigentenpult liegen, beträgt der Abstand zu den Augen ca. 70 cm.

Am Computerbildschirm sitzt man etwas näher. Dennoch braucht man mindestens einen 24 Zoll-Monitor, um alle Details zu erkennen, ohne zu zoomen. Hochgerechnet auf einen Fernsehbildschirm mit einem Abstand von 3 – 4 Metern zum Zuschauer bräuchte man einen Bildschirm von weit über 50 Zoll, am besten einen Beamer.

Das zweite Problem war die Bildschärfe. Wenn man eine Sibelius-Partitur als Grafik-Datei für Word oder ein beliebiges Grafikprogramm exportiert, tut man das tunlichst in einem vektor-orientierten Postscript-Format (Datei-Endung EPS), so geschehen auch für das gedruckte Begleitheft. Das beliebte JPG-Format rechnet hingegen alles auf quadratische Pixel um, und das wirkt sich fatal auf die Darstellung der runden Notenköpfe, Bindebögen und Klammern aus, wenn diese sehr klein sind.

Das Format für alle DVDs dieser Welt ist 576 x 768 Pixel, und so führte kein Weg an der Konvertierung in ein Pixel-Format vorbei. Final Cut Express arbeitet auch nur mit dem pixelorientierten QuickTime-Format. (Bei den Texten, die auf der DVD zwangsläufig ebenfalls als Pixel über den Bildschirm flimmern, macht das weniger aus, da die Buchstaben deutlich größer sind als die Noten – aber man kann die Problematik mit den Pixeln auch hier schon erkennen.)

Das dritte Problem, die Synchronisation der Partitur mit der Audio-Datei, konnte hingegen einigermaßen zufriedenstellend gelöst werden. Der Cursor sollte genau mit der Musik mitlaufen, um den weniger geübten Partiturleser optisch an die Hand zu nehmen.

Ein Update auf die neueste Version von Sibelius (6) versprach, genau das durch einfaches Taktschlagen zur laufenden (importierten) Audio-Datei zu leisten. Das Ergebnis war aber nur teilweise zufriedenstellend (ob durch meine Unzulänglichkeit oder die des Programms, sei dahingestellt). Jedenfalls musste ich durch zeitraubenden MIDI-Ex- und Import der Tempi über Melodyne und Cubase an etlichen Stellen nachbessern.

Als schließlich in Sibelius Musik und Partitur synchron liefen, habe ich einen Durchgang mit dem Programm Snapz Pro X vom Bildschirm abgefilmt und das Ergebnis in Final Cut Express importiert. Der Schock über die unscharfe Darstellung war groß!

Doch Sibelius hält noch eine spezielle Export-Möglichkeit bereit. Mit dem Browser-PlugIn Scorch können Sibelius-Partituren in allen Webbrowsern, und zwar ohne große Schärfeverluste mit laufendem Cursor abgespielt werden, allerdings nur mit den künstlichen Sounds der jeweiligen Soundkarte, nicht mit richtigen Audio-Dateien. Und tatsächlich: Das Abfilmen der laufenden Partitur (mit Snapz Pro X) ohne Ton aus dem Mac-Browser Safari führte zu besseren, wenn auch immer noch nicht zu zufriedenstellenden Ergebnissen.

Es gibt sicherlich eine physikalische Erklärung für das Phänomen, dass eine zusätzliche Konvertierung (ins htm-Format) in diesem Fall von Nutzen war – nur kenne ich sie nicht.

In Final Cut Express legte ich den importierten (Stumm)Film über die Audio-Datei, machte an jedem Seitenübergang der Partitur einen Schnitt und fügte dort die Umblätter-Effekte ein. Dann schrieb ich Vor- und Abspann; das Hochlaufen der Texte an den Bildschirmrand erledigen solche Programme von selbst. Als letztes setzte ich die Kapitelmarkierungen, damit man später auf der DVD die einzelnen Akte in beiden Versionen mit der Fernbedienung direkt ansteuern kann.

Die finale Operation war das Brennen der DVD mit Apples Programm iDVD. Hier muss man noch sog. „Themen" gestalten: Das ist das, was man auf dem Bildschirm sieht, bevor man in dem DVD-Player auf „Play" drückt. Das „Thema" von OPERA ULTIMATIVA ist der auf- und zugehende rote Theatervorhang mit der Kinoleinwand dahinter.