Der Kompositionsprozess

Nachdem mir Frau Miville als Spiritus Rector den Auftrag zur Komposition einer Opernparodie für die Operettenproduktion DIE DREI MUSKETIERE gegeben hatte, schrieb ich zunächst etliche in Frage kommenden Melodien auf einem Notenblatt untereinander. Das war und ist dann auch schon das einzige handschriftliche Dokument, das zu diesem Werk existiert.

Mit so einem Auftrag im Nacken, dazu noch unter Zeitdruck, schläft es sich nicht mehr so gut, und so entstand der größte Teil der Komposition zwischen 5 und 7 Uhr morgens im Bett. Nach dem Aufstehen spielte ich das nächtliche Elaborat auf dem Klavier durch, und nach der Vormittagsprobe fixierte ich es mit dem Notationsprogramm Sibelius (Version 5), und zwar zunächst in Particell-Form, d.h. in 4-5 Notensystemen, so dass alle Motive ¸bersichtlich dargestellt waren und zur Feinjustierung nach Belieben über- und nebeneinander montiert werden konnten.

Der nächste Schritt war bereits die Fertigstellung der endgültigen Partitur. Dazu benutzte ich die Originalpartituren als Vorlage, um der jeweiligen Originalinstrumentation so nahe wie möglich zu kommen.

Für die Einstudierung für Chor und Soli erstellte ich aus dem Particell einen Klavierauszug, indem ich die beiden unteren Systeme pianistisch einrichtete und über weite Strecken ein drittes System mit den zusätzlich vorkommenden, aber nicht mehr spielbaren Motiven (zur Information) darüber legte.

Und schließlich erstellte ich (Monate später) eine Fassung für 2 Klaviere, in der (fast) alle Motiv-Partikel pianistisch eingebunden sind.

Die Gesamt-Komposition erfolgte in zwei Schüben. Der erste war im November 2008 anlässlich der MUSKETIERE-Produktion. Er beinhaltete den jetzigen I. Akt und eine ‹bereinanderschichtung der martialischen Hauptmelodie aus DIE DREI MUSKETIERE und der allseits bekannten BONANZA-Melodie , die in der Aufführung ver-step-tanzt wurde und die dann ganz zwanglos in das puccinische „VincerÚ“ einm¸ndete.

Der zweite Schub erfolgte im Frühsommer 2009, nachdem es schon einige Monate zuvor immer wieder in mir gegärt hatte. Der Kompositionsprozess verlief genauso wie oben beschrieben, inklusive der schlafarmen Nächte.

BONANZA und MUSKETIERE passten aber nun nicht mehr in den rigiden (mit starrem Blick auf das Urteil der Nachwelt gerichteten) Kompositionsansatz und wurden durch den jetzigen II. Akt mit Fledermaus und Offenbachschen CAN-CAN als musikalischen Hauptakteuren ersetzt.

Da der I. Akt ein bisschen unvermittelt und unspektakulär beginnt, musste dann auch noch ein Vorspiel her, das nach gängiger Ouvertüren-Art einen Großteil der folgenden Opernmelodien in konzertant-verschlüsselter Form beinhaltet.

Und schlussendlich (mit starrem Blick auf die Verkaufszahlen) kam das ad libitum einzuschiebende Arrangement von HAPPY BIRTHDAY. Schließlich kennt jeder einen Musikliebhaber, der zwangsläufig einmal im Jahr Geburtstag hat. So einer hat aber immer schon alles und man selbst weiß wieder mal nicht, was man diesem Menschen zum Geburtstag schenken soll.

Und der mit OPERA ULTIMATIVA dann glücklich Beschenkte kennt wiederum einen Musikliebhaber, der zwangsläufig . . .

Außerdem: Wer lässt sich nicht gerne von einer ganzen Musiktheatersparte zum Geburtstag gratulieren? Es gibt sicherlich hunderte von Arrangements von HAPPY BIRTHDAY. Ich kenne aber keines mit so einer riesigen Besetzung.

Die Notation im Programm Sibelius

Die häufigste von Musikern diesbezüglich gestellte Frage ist wohl: „Geht das Notenschreiben mit so einem Computerprogramm schneller als per Hand?“

Darauf gibt es zwei ehrliche und einfache Antworten:

1. „Ja, es geht deutlich schneller, wenn man das Programm beherrscht.“
2. „Nein, es geht deutlich langsamer, wenn man nicht mit dem Programm souverän umgehen kann.“

Dazwischen liegen Wochen und Monate der Übung, wie bei einem echten Instrument. Und das gilt eigentlich für jedes hochkomplexe Computerprogramm. Für die Noteneingabe kann man wahlweise die Maus, die Computertastatur oder ein angeschlossenes MIDI-Keyboard benutzen, über das man auch mit Hilfe eines Metronomklicks die Noten in Echtzeit einspielen kann.

Echte Profis benutzen allerdings fast ausschließlich die Computertastatur und beherrschen unzählige Tastaturkürzel für die Noteneingabe. Ich selbst rechne mich zu den fortgeschrittenen Amateuren kurz vor der Schwelle zum Halb-Profi.

Die einzelnen Tondauern (die in der Summe den Rhythmus ergeben) gebe ich mit der Computertastatur ein und spiele dann die Original-Tonhöhen bzw. Akkorde (in beliebiger Geschwindigkeit ohne Rhythmus) auf dem MIDI-Keyboard dazu. Ich beherrsche gut 20 Tastaturkürzel. Den Rest mache ich mit der Maus und über die Menüs. Des öfteren muss ich natürlich auch das Handbuch zu Rate ziehen.

Das Geheimnis der Schnelligkeit allerdings ist, im Vorfeld zu erkennen, was man alles kopieren kann, um dann das Kopierte, z.B. rhythmische Muster, ggf. in den Tonhöhen oder in der Artikulation nur noch modifizieren zu m¸ssen. Das Ganze ist also eher eine logistische Herausforderung, die auch viel mit musikalischem Wissen zu tun hat. In OPERA ULTIMATIVA wurden sicherlich weit mehr als 80% der Noten über das Kopieren eingegeben. (Die Kopierfunktionen von Sibelius sind echt optimal und höchst komfortabel!)

Da hätte man mit Echtzeit-Einspielungen mehr Zeit investieren m¸ssen, denn hier muss jede Note präzise gespielt werden. Die meisten Fehler kommen dabei aber nicht von falschen Noten, sondern daher, dass man instinktiv musikalisch spielt, und nicht so, wie es notiert ist - vor allem, was die Tondauern anbetrifft. Normalerweise spielt jeder Pianist kürzere Werte als notiert. Vieles korrigiert das Programm selbsttätig, aber nicht alles. Und so ist oft noch viel nachträgliche Korrekturarbeit angesagt.

Das gilt auch für einige andere lautstark beworbene Funktionen in Sibelius, wie z.B. das automatische Arrangieren. Glaubt man blauäugig diesen Versprechungen, bräuchte man einen Klavierauszug von Mozart ja nur notengetreu einzugeben, Besetzung angeben, und klick: das Juwel einer Mozartschen Opernpartitur schnurrt durch den Drucker. Desgleichen umgekehrt: Einfach Wagner-Partitur eingeben, Klavierauszug kommt raus.

Das tatsächliche Ergebnis ist etwa so, wie wenn man einen Shakespeare-Text mit einem Internet-Übersetzungsdienst ins Deutsche übersetzen lässt - und dann wieder zurück ins Englische.

Für musikalische Konfektionsware im Popmusikbereich mögen die Arrangierfunktionen in Sibelius aber durchaus brauchbare Ergebnisse liefern, da es dort viele stilistische Standards gibt.

Aus einem ganz anderen Kaliber ist die sofortige automatische Layoutierung der Partitur in Sibelius. Da jubelt der Musiker, denn mit so außermusikalischen Dingen will er nix zu tun haben. Und wenn er mit den Vorgaben von Sibelius einverstanden ist, braucht er sich auch um fast nichts mehr zu kümmern.

Für größere Partituren gilt das aber nur bedingt. Als Dirigent, der Hunderte von oft mehr als 100-seitigen Partituren studiert hat, weiß ich ein übersichtliches Layout durchaus zu schätzen. Das menschliche Auge, wozu ja auch das dirigentische zählt, kann nur 4 – 5 Notenzeilen auf einmal erfassen. Bei einer großen Partitur mit oft mehr als 30 Zeilen pro System (System hier: Bündelung von gleichzeitig erklingenden Noten in Zeilen; jeder Zeile ist ein Instrument zugeordnet) heißt Partiturlesen blitzschnell und fast permanent mit dem Auge zwischen verschiedenen Zeilen und Zeilengruppen hin- und herzuspringen.

Und das heißt für den Dirigenten: je weniger Notenzeilen pro System, desto besser. Daher sind in den Dirigierpartituren meistens die Bläser, die mehrfach besetzt sind, zwei- oder dreistimmig pro Zeile notiert. Das spart im Fall von OPERA ULTIMATIVA bis zu 12 Zeilen pro System.

Der Orchestermusiker hat ein ganz anderes Interesse. Er will nur seine eigene Stimme sehen und sie nicht aus einem zwei- oder dreistimmigen Satz herausklauben müssen.

In Sibelius werden die einzelnen Stimmen einer Partitur automatisch herausgezogen, genaugenommen: jede Notenzeile wird zu einer eigenen Datei und kann separat ausgedruckt werden. Dabei übernimmt das Programm auch hier selbsttätig die Layoutierung in größere und für den Orchestermusiker besser zu lesende Notensysteme.

Daraus folgt: Eine optimierte Dirigierpartitur ist von Nachteil für den Orchestermusiker, da er z.T. einen mehrstimmigen Satz lesen muss. Eine für den Orchestermusiker optimierte Partitur ist suboptimal für den Dirigenten, da er bis zu 30 Zeilen überblicken muss.

Ergo: Es gibt zwei Partituren für OPERA ULTIMATIVA: eine für den Dirigenten und eine für das Orchestermaterial.

P.S.: Die Fachbezeichnung für „Notenzeile“ heißt eigentlich „Notensystem“, die Bündelung mehrerer dieser Notensysteme untereinander in einer Partitur heißt „System“(!) oder „Akkolade“ (sehr selten gebraucht) – eine einzige Begriffsverwirrung!