19.04.2022 0
BLICK IN EINE BESSERE WELT

Autorin, Softwareentwicklerin und Blogerin Theresa Hannig schaut lösungsorientiert in die Zukunft - und gibt diesen hoffnungsvollen Blick weiter. In ihrem Roman PANTOPIA, aus dem u.a. in WAS TRÄUMST DU? am Sonntag 24.04. Mitglieder unseres Schauspielensembles vorlesen, schafft sie eine Utopie für unsere Zeit.

Wir haben über ihre Sicht der Dinge mit Theresa Hannig gesprochen, die zuletzt den Roman PANTOPIA über eine KI, die eine neue (und gute) Weltordnung schafft, fertiggestellt hat. Eine ausführlichere Version dieses Interviews mit weiteren Fragen finden Sie hier auf unserer bühne:digital.

BLICK IN EINE BESSERE WELT
Foto © privat

Interview mit Theresa Hannig, Autorin von „Die Optimierer“ und „Pantopia“
Fragen von Julian Wessel und Stefan Herfurth


Angesichts der aktuellen (Welt-)Lage sehen viele Menschen der Zukunft nicht gerade mit positivem Blick entgegen; wie können wir es schaffen, uns wieder Utopien und nicht (nur) negative Entwürfe für die Entwicklung unserer Welt und unseres Lebens vorzustellen?

Ich soll diese Frage schriftlich beantworten. Sie lesen diesen Text. Was Sie nicht sehen können ist, wie lange ich über der Antwort grüble. Wie viele Sätze ich geschrieben und dann wieder verworfen habe. Denn auch ich bin hin und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Resignation und dem dringenden Bedürfnis, etwas tun zu wollen. Im Angesicht der Schrecken des Krieges, der quasi „direkt“ vor unserer Tür geführt wird, scheint es unmöglich, noch eigene fiktive Geschichten, erfundenen Dramen und Skandale erzählen zu können. Die Kunst verstummt im Schatten der Realität. Andererseits sind es gerade die schlimmen Zeiten, in denen wir mehr als sonst der guten Geschichten bedürfen. Wann können Geschichten mehr Trost spenden? Wann wenn nicht jetzt können wir aus Utopien Hoffnung schöpfen und uns für Ideen begeistern, die uns in die Zukunft tragen? Natürlich können wir verzweifeln und an vielen Tagen werden wir es tun. Aber ohne die Hoffnung auf eine bessere Zukunft gäbe es gar keine Zukunft mehr.

In Filmen und Literatur ergeben sich sehr oft aus vermeintlichen Utopien dystopische Szenarien, wenn etwas nicht wie geplant funktioniert oder irgendein Mangel auftritt. Kann man Deiner Meinung nach die beiden Begriffe Dystopie und Utopie komplett voneinander trennen oder vermischen sich diese Szenarien zwangsläufig?

Ich bin, was Genrebezeichnungen angeht, immer etwas vorsichtig. Literaturwissenschaftler*innen können sicher viel besser erklären, welche Geschichten der einen und welche der anderen Seite zuzurechnen sind. Ich habe festgestellt, dass manche Leser*innen meinen Roman „Die Optimierer“ als Utopie bezeichnen – was mich irritiert, weil er ja als Dystopie konzipiert ist. Das Prinzip der Dystopie ist, dass man einen oder mehrere Faktoren aus der Realität ins Extreme extrapoliert und schaut, was dann passiert. Und es kann durchaus sein, dass manchen Menschen diese Extremsituationen gefallen und so eine Dystopie positiv interpretieren. Theoretisch ist es vielleicht auch möglich, dass jemand meine Utopie „Pantopia“ als Dystopie liest – aber die Begründung würde ich gerne hören…. wer würde nicht gerne in Pantopia leben wollen?

Ich selbst verwende zur Unterscheidung von Utopie und Dystopie mittlerweile 2 Kriterien:

  1. Werden die Personen gezwungen, an dem jeweiligen utopischen/dystopischen System teilzunehmen? (bzw. wie frei sind sie im Vergleich zu dem was heute als „frei“ gilt - es geht nicht um die existentialistische Frage, ob wir überhaupt jemals frei handeln können)
  2. Müssen für die Verwirklichung des betreffenden Systems unbeteiligte Personen unverschuldet leiden?

Wenn eine der beiden Fragen mit JA beantwortet wird, handelt es sich in meinen Augen um keine Utopie[1][1].
 

Viele Menschen haben Angst vor künstlicher Intelligenz und fürchten, dass sie das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen, einläuten, uns sogar „ablösen“ könnte. In Deinem Roman „Pantopia“ zeichnest Du allerdings ein hoffnungsvolles Bild. Du bist selbst Softwareentwicklerin: Was macht Dich so zuversichtlich, dass gerade eine KI uns und unsere Welt retten kann?

Wir leben in einer ganze besonderen Zeit, die in vielen Bereichen eine Zeitenwende sein könnte: Wir haben Atomwaffen, mit denen wir uns selber vernichten können; wir betreiben durch den Klimawandel gerade eine Art Terraforming, das den Planeten für einen Großteil der Menschen unbewohnbar machen könnte; wir vernichten durch unseren Konsum so viele Arten und Ökosysteme, dass nicht absehbar ist, inwieweit unser eigenes Überleben dadurch unmöglich wird; wir bringen (Mikro)Plastik in alle Bereiche des Planeten ohne zu wissen, welche Folgen das haben könnte; wir manipulieren unser Genom und könnten dadurch der Evolution des Menschen eine ganz neue Richtung geben; durch Massentierhaltung und verschwenderischen Medikamenteneinsatz stehen wir immer kurz vor der nächsten Pandemie.

In dieser Situation ist die Entstehung einer starken KI das letzte wovor wir Angst haben sollten. Wir sind tatsächlich noch sehr weit von einer starken – also einer sich selbst bewussten – künstlichen Intelligenz entfernt. Allerdingst ist es meines Erachtens nur eine Frage der Zeit. Ob in 2 oder in 200 Jahren: Wir sollten uns als Menschheit frühzeitig Regeln für das Zusammenleben mit nichtmenschlichen Intelligenzen überlegen. Und in diesem Zusammenhang sollten wir auch darüber nachdenken, welche Verantwortung wir generell anderen fühlenden Lebewesen gegenüber haben. Die Auseinandersetzung mit der KI ist in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem Menschen und dem Umgang miteinander. Eine KI ist immer nur so gut wie ihre Trainingsdaten. Und wenn wir als Spezies gierig, unvernünftig, aggressiv und respektlos sind, kann es sein, dass auch eine KI, die wir erschaffen, diese Verhaltensweisen an den Tag legt. Es liegt also in unserer Hand, nicht das Schlechteste, sondern das Beste was wir als Menschheit können in die Entwicklung einer KI zu legen. Dann haben wir die Chance auf eine uns wohlgesonnenen KI, vielleicht sogar eine wie Einbug.

Liegt in der Auffassung, dass eine erst in der Zukunft mögliche Technik für ein „happy end“ sorgen wird, nicht eine gewisse Gefahr der Verharmlosung, eine Einladung zum entspannten Zurücklehnen und Weiter-So? Was macht Dich so zuversichtlich, dass Bedrohungen, die unsere Existenz vernichten können – Klimawandel, Kriege etc. – nicht permanent in ihrem drastischsten und schlimmstmöglichem Ausmaß dargestellt werden müssen?

Ich warne stark davor, die Lösung unserer Probleme in die Zukunft zu verschieben! Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren und müssen sofort handeln! Aber ich glaube, dass Angst ein schlechter Motivator für langfristige Verhaltensänderungen ist. Angst funktioniert gut, um schnelle Ergebnisse zu erzielen, z.B. Wahlen zu gewinnen.
Aber wer einen langen Atem braucht, der braucht eine positive Motivation, einen Grund, sich anzustrengen. Deshalb finde ich es wichtig, mit Utopien Perspektiven aufzuzeigen und Hoffnung zu machen. Wir können unsere Zukunft ändern. Wir können unsere Probleme in den Griff bekommen und wir brauchen dafür keinen Einbug und keine schicken Erfindungen. Wir haben alle Werkzeuge jetzt schon zu Hand. Wir müssen sie nur anwenden.

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