22.09.2021 0
DIE STIMMEN TRAGEN DAS STÜCK

Generalmusikdirektor Florian Ludwig im Gespräch mit Musiktheaterdramaturg Samuel C. Zinsli über die Musik in Benjamin Brittens Kammeroper THE RAPE OF LUCRETIA.

SZ: Was ist für die Musik von RAPE OF LUCRETIA charakteristisch?
FL: Britten ist sicher der Opernkomponist im 20. Jahrhundert (mindestens nach dem zweiten Weltkrieg), der mit Abstand am besten für Stimmen schreibt. Das liegt wohl unter anderem an seiner Beziehung mit dem Tenor Peter Pears und an seiner großen Erfahrung als Liedbegleiter. Er war jemand, der vokal denken konnte – und das auch wollte! Auf seiner Bühne steht die Stimme immer im Mittelpunkt, ohne sich mit reinem Schöngesang anzubiedern. Er schreibt gut sangbare Linien, wo sich die Stimme schön entwickeln kann, und verwendet z.B. große Intervalle nie als Selbstzweck, sondern nur, wenn er damit einen bestimmten Ausdruck erzielen will. Was ihn am Gesang fasziniert, das direkte Vermitteln von Farben, von präzisem Ausdruck, trägt das Stück. Es gibt in RAPE OF LUCRETIA auch keine Partie, die nicht mindestens eine attraktive Passage zu singen hätte. Alle haben ihre Bedeutung und ihre Funktion im Ensemble, musikalisch wie szenisch. Das gilt fürs Orchester genauso. Es gibt natürlich einige größere Soli – Harfe, Englischhorn –, aber selbst jedes Streichinstrument hat seinen Moment, z.B. der Kontrabass die Stelle mit den marschierenden Römern. Es kommt bei jeder Szene ein, zwei Instrumenten zu, eine Grundstimmung zu kreieren.
 

SZ: Das ist also eine Folge von Brittens Entscheidung für eine Kammeroper?
FL: Genau. Die Bedeutung des Individuums wächst. Er ist ja nicht der Erste, der mit einer Reduktion der Mittel arbeitet.


SZ: In der Zwischenkriegszeit – etwa bei Hindemith, Stravinskij, Bartók, Les Six – war das eine Strategie zur Abkehr vom spätromantischen Klangrausch.
FL: Britten ist 1946 aber schon weiter, er nimmt eine maximale Verkleinerung des Klangkörpers bei Beibehaltung aller Farben vor. Bis auf Trompete, Posaune und Tuba sind alle üblichen Orchesterinstrumente dabei, zudem noch Klavier, Harfe und Pauke. Mit diesen ökonomischen Mitteln schafft er aber einen differenzierten, vielfarbigen Klang, keine asketische Musik.
 

SZ: Britten arbeitet nicht mit wagnerschen Leitmotiven, aber es gibt doch prägnant wiederkehrende Elemente. Das fünftönige Lucretiamotiv (s. Noten-Bsp.1) kommt überall und in den unterschiedlichsten Gestalten vor. Warum sind es fünf Töne, eine Quintole?
FL: Die Quintole ist einer von Brittens Lieblingsrhythmen. Was er damit schaffen will, ist eine rhythmische Unruhe – dass Dinge nicht gradlinig sind. Und wenn er die Titelfigur mit einem solchen Motiv versieht, dann hat das Auswirkungen auf das ganze Stück. Die beiden anderen wichtigen Motive, „Collatinus“ (s. Noten-Bsp.2) und „Prince of Rome“ (also Tarquinius, s. Noten-Bsp.3), die Umkehrungen voneinander sind, sind im Lucretia-Motiv auch angelegt, das aus aufsteigenden und absteigenden Schritten um einen Zentralton besteht. Sehr vieles von dem ganzen Stück beruht auf diesem Gegeneinander. Bei Britten kann man ein Werk quasi als Lebewesen verstehen, das aus einem genetischen Material gebaut ist. Jede einzelne Szene hat darüber hinaus noch ein eigenes musikalisches Genom. So ist z.B. die erste Harfenfigur (s. Noten-Bsp.4) zu Beginn der 2. Szene des 2. Aktes alles, was diese Szene braucht – daraus besteht sie.
 

SZ: Das Libretto, besonders die Kommentare von Female und Male Chorus, besitzen die Besonderheit, dass es am Ende keine einfachen Lösungen gibt, sondern da eine Rat- und Fassungslosigkeit steht.
FL: Während die Chori in ihrem Schlussgesang sagen, dass durch Christus die Menschen erlöst sind, erklingt bis in den letzten Takt im Orchester die fallende Terz, auf die zuvor „It is all“ und vom Male Chorus „He is all“ (Christus ist alles) gesungen wurde – die hoffnungsvolle und die hoffnungslose Sichtweise auf das selbe Motiv. Ans Ende setzt Britten keinen glorifizierenden Schluss, sondern ein Verlöschen. Wie die schneidenden Akkorde zu Beginn (c-moll plus des) schon klar sagen: „Die Welt ist nicht in Ordnung.“

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