19.01.2022 0
GRENZENÜBERSCHREITENDE MUSIK

Eine Kammeroper über Krieg? Im Gespräch beschreibt Produktionsdramaturg Samuel C. Zinsli, was KRIEG. STELL DIR VOR, ER WÄRE HIER von Marius Felix Lange und insbesondere die Gießener Inszenierung besonders und einzigartig macht.

GRENZENÜBERSCHREITENDE MUSIK
Fotos © Daniel Regel

Sopranistin: Naroa Intxausti, Bariton: Viktor Rud, Sprecher: Sebastian Songin

Die Kammeroper KRIEG. STELL DIR VOR, ER WÄRE HIER behandelt, wie ihre literarische Vorlage von Janne Teller, die Problematik der Identitätsfindung im Exil. Weshalb ist das Musiktheater in diesem Fall für einen Stoff, der sich auch mit Traumabewältigung und Vorurteilen beschäftigt, besonders für eine Adaption geeignet?

Samuel C. Zinsli: Die Interaktion zwischen zwei Kulturkreisen, die hier zusammenkommen, wurde vom Komponisten auch akustisch umgesetzt: Elemente aus mitteleuropäischer und arabischer Tonsprache interagieren miteinander und verschmelzen sogar teilweise. Zum Beispiel gibt es eine Stelle, an der die deutsche Nationalhymne gesummt wird, wobei aber ganz deutlich arabische Einflüsse in der Melodiegestaltung erkennbar sind; an einem anderen Punkt singt die Mutter ein Wiegenlied, bei dem sie in der letzten Strophe eindeutig eine orientalische Weise einbaut. Die Musik leistet hier etwas, das Sprache allein nicht kann.

Bei dieser Oper stehen nicht nur eine Sängerin und ein Sänger auf der Bühne, sondern auch ein Schauspieler, der Texte spricht; was hat es mit dieser Konstellation auf sich und welche Eindrücke kann sie vermitteln?

Zinsli: Würde man sich ausschließlich an den Text aus der Vorlage halten, wäre dieser nicht unbedingt gesanglich umsetzbar. Daher spricht die Figur des Erzählers den Essaytext, die Sängerin und der Sänger singen die eigens für diese Adaption entstandenen Gedichte von Nora Gomringer. Musiktheater-typisch daran ist, dass der gesprochene Text rezitativisch wirkt und die Handlung vorantreibt, während die gesungenen Passagen Gefühle illustrieren. In der Gießener Inszenierung ist der Erzähler allerdings szenisch in die Handlung auf der Bühne integriert und steht nicht nur beschreibend außerhalb der Vorgänge.

Bei zeitgenössischer Musik gibt es – unabhängig vom Alter – oft eine gewisse Berührungsangst auf Seiten des Publikums. Weshalb sollte man eine Aufführung von KRIEG im Gießener taT unbedingt erlebt haben, auch wenn man noch wenig oder gar keine Erfahrung mit zeitgenössischem Musiktheater gemacht hat?

Zinsli: Diese Oper enthält keinerlei abstrakte zeitgenössische Musik, die beim Hören nicht zuzuordnen ist, sondern illustriert die Bühnenvorgänge sehr plastisch; der emotionale Ausdruck ist leicht zu erfassen, auch, wenn man nicht mit moderner Musik vertraut ist. Elemente wie ein Wiegenlied oder ein Trauermarsch beispielsweise sind sofort zu erkennen. Und für die Gießener Inszenierung kann man festhalten, dass das Ensemble extrem gut miteinander harmoniert, und so alle Zuschauer:innen durch diesen emotional dichten und bewegenden Abend führt.

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