07.02.2022 0
HÜRDEN IM KOPF?

Machtmissbrauch, Korruption, sexuelle Übergriffe: Kleists bekanntes Lustspiel DER ZERBROCHNE KRUG hat auch 214 Jahre nach seiner Uraufführung nichts an Aktualität verloren. Dieser „Alte Schinken“ (bei uns: eher eine „Ahle Wurscht“) thematisiert die Konflikte zwischen Männlein und Weiblein ebenso wie zwischen Schreiber und Richter, Richter und Gerichtsrat, Klägerin und Angeklagtem ... Für die Inszenierung am Stadttheater Gießen bringt Regisseurin Katharina Ramser jedoch einiges an neuem Schwung in das Geschehen: Die Geschlechterrollen werden umgekehrt.

So wurde beispielsweise aus dem korrupten und selbstgerechten Dorfrichter Adam eine Frau Dorfrichterin Adam und die junge Eve, die sich während der Gerichtsverhandlung über ihren angeklagten Verlobten auf die Zunge beißt, wurde in Ramsers Version zu Ivo. Auch bei allen anderen Figuren wurden die Geschlechter vertauscht, sodass das Schauspielensemble zum ersten Mal Rollen spielen darf, die üblicherweise den Kolleg:innen des anderen Geschlechts vorbehalten sind.

Im Gespräch schildern uns die Ensemblemitglieder Carolin Weber (Richterin Adam) und Stephan Hirschpointner (Ivo) ihre Eindrücke und Gedanken zu diesem Inszenierungs-Konzept.

Wart Ihr gleich von der Idee des Geschlechtertauschs angetan oder standet Ihr dem erst einmal skeptisch gegenüber?

Carolin Weber: Skeptisch war ich nicht – eher gespannt, welche Hürden (im Kopf) sich da wohl auftuen würden. Ob sich ein sexueller Übergriff, der bei uns ja wirklich eine Vergewaltigung sein soll, erzählen lässt. Da hat uns das übergroße Requisit – der Krug – geholfen. Und, dass die Szene bei Kleist „Adam trinkt ein Glas Wasser“ heißt. Oder, ob sich der selbstverständliche Militärdienst für die junge Frau glaubhaft darstellen lässt – was in Israel zum Beispiel niemanden überraschen würde – allerdings gilt da der Militärdienst ja für alle Geschlechter gleichermaßen.

Stephan Hirschpointner: Ich war relativ schnell angetan davon, war aber gespannt auf die Diskussionen und wie sich diese Umkehr vollziehen lässt in den Versen. Auch finde ich den Ivo beziehungsweise den Umgang mit der Eve-Situation die spannendere Aufgabe als den klassischen Ruprecht.

Wie schwierig oder einfach war es, diese bekannten Rollen, Adam und Eve, neu zu lesen und anders zu denken?

Hirschpointner: Ich fand es deutlich erfrischender. Und auch mit dem Tausch der Geschlechter sind das genauso klare Rollen. Was bleibt dir übrig in Eves Situation, nach einer traumatischen Erfahrung und in solch einem Spannungsfeld, als den Mund zu halten in der Hoffnung, die Geliebte dadurch vielleicht noch zu retten?

Weber: Für mich hat sich das gar nicht anders angefühlt – es war und ist einfach eine grandiose Rolle, eine tolle erste Zusammenarbeit mit Katharina Ramser, ein phantastischer Text. Ich habe da ganz viele Freiheiten und versuche ständig, das Publikum auf meine Seite zu ziehen – was hoffentlich nicht funktioniert, weil ich ja die Böse bin.

Was kann diese Interpretation des Textes Eurer Meinung nach bei den Zuschauer:innen bewirken oder auslösen?

Weber: Im besten Fall natürlich, dieses Stück nicht als verstaubt und antik zu erleben, sondern als leider immer noch aktuellen Beitrag zur Gesellschaft 2022. Was wir sicher NICHT erreichen wollen, dass sich bei der Zuschauer:in einstellt: „aha, heute werden nur noch die Männer missbraucht und die Frauen sind die Täter.“ Ein Erfolg wäre, durch unseren Besetzungskniff eine Irritation oder minimale Distanz zu erreichen und die Struktur des Machtmissbrauchs besser hervorzuheben.

Hirschpointner: Ich denke, man kann sich dadurch gut über die Machtverhältnisse und den Missbrauch neu wundern, weil die Konstellation ungewöhnlich ist.

Könntet Ihr Euch persönlich noch andere Werke vorstellen, bei denen ein ähnliches Konzept spannend sein könnte? Oder habt Ihr sogar ganz bestimmt Wunschtexte oder -rollen?

Hirschpointner: Wir sind in unserem Herangehen einer Gesellschaft begegnet, die stark patriarchal geprägt ist und worin der Geschlechtertausch keinen großen Unterschied gemacht hat. Das könnte also per se bei vielen Klassikern ähnlich „einfach“ gehen, den Tausch zu vollziehen. Schwierig bleibt überall, dass man ohne weitere Eingriffe kaum von einer andren Herrschaftsform als dem Patriarchat erzählen kann, obwohl Frauen an den Entscheidungspositionen sind.

Weber: So spontan habe ich keine Wunsch-Rolle auf Lager, weil ich in meiner Laufbahn ja zum Glück immer wieder großartige Rollen zu spielen bekam, von denen ich vorher noch gar nichts wusste. Aber man könnte das mal durchdenken – eine Frau Doktor Faust, die Woyzecke – ich wäre dabei!

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