02.09.2021 0
HURRA, DIE WELT GEHT UNTER!!

Mit Humor in den Weltuntergang: Regisseur Lukas T. Goldbach inszeniert das Schauspiel DIE GESCHICHTE MEINER EINSCHÄTZUNG AM ANFANG DES DRITTEN JAHRTAUSENDS nach PeterLicht auf der taT-studiobühne. Das nachfolgende Interview gibt einen Einblick in seine Arbeit mit dem Werk.

Lieber Lukas, die Kurzgeschichte des Kölner Musikers und Autors PeterLicht erschien im Jahr 2008 und wurde 2013 als Hörspiel für Deutschlandradio Kultur produziert. Wie kam es dazu, dass Du diesen Text nun inszenierst?

„PeterLicht als Künstler bin ich (abgesehen vom allseits bekannten Song „Sonnendeck“) durch einen Kollegen im Ensemble des Theaters in Greifswald begegnet, der dessen Musik immer auf den Fahrten zu den Spielstätten hörte. Von der Musik mag man halten, was man will, aber als Kunstfigur und als Texter hat mich PeterLicht gleich interessiert, und ich finde, dass er mit einigen Texten deutlich seine und auch meine Generation hervorragend beschreibt und sogar repräsentiert.
Im Zuge der Recherche nach Theatertexten stolperte ich auch über Texte von PeterLicht, und eben auch über DIE GESCHICHTE MEINER EINSCHÄTZUNG AM ANFANG DES DRITTEN JAHRTAUSENDS. Gleich das erste Lesen begeisterte mich für diese Geschichte und auch den Menschen, den ich hinter dem Erzähler vermutete. Das ist jetzt ungefähr zehn Jahre her. Seither lag der Text in meiner Schublade und wartete darauf, in Angriff genommen zu werden. Mir geht also wirklich ein Riesen-Wunsch in Erfüllung, wenn ich diesen super Text endlich als gesprochenes Wort auf einer Bühne inszenieren darf. Danke dafür!“
 

Bei einer Lesung mit dem Autor anlässlich des Ingeborg-Bachmann-Preises 2007 beschrieb der Journalist Klaus Nüchtern den Text als gleichzeitig hysterischen und dabei ständig die Fassung bewahrenden „Selbstberuhigungstext“ mit zwar durchschaubarem Prinzip, das aber auf raffinierte Weise moduliert werde: „Der Text macht unglaublich Tempo, nimmt dann wieder zurück und wenn man dann glaubt, jetzt habe ich Dich, kommt die Liebe – und da ist es genauso katastrophal.“ Würdest Du das so unterschreiben oder liegt der Reiz für Dich woanders?

„Ja, die Einschätzung von Herrn Nüchtern kann ich nachvollziehen. Wobei ich die Erzählung eher als eine Art Reinigung begreife. Am Anfang steht das gute Leben, und nach und nach rutscht man immer weiter ab und man befindet sich plötzlich in der Katastrophe, ohne so richtig gemerkt zu haben, wie man dort hingelangte. Da befindet man sich gerade noch an einem wohligen Abend auf seinem Gemütssofa, und im nächsten Moment fliegt einem die ganze Wohnung um die Ohren. In einer Zeit der Zukunftsangst durch das Klima, durch die voranschreitende politische Polarisierung, durch die Ungewissheit der Corona-Pandemie, den Einfluss der Social-Networks und viele andere verängstigende Geschehnisse leben wir dennoch in Mitteleuropa ziemlich gut. Allerdings nagt die Angst an uns, treibt uns auf die Straße, verführt uns mit Verschwörungserzählungen ... Unser Protagonist hingegen sucht sich ein stilles Örtchen, um sich den ganzen Frust und die Angst, die sich in ihm angestaut hat, mal so gründlich vom Leib zu reden und den Dämon auszutreiben.“
 

Die im Titel erwähnte „Einschätzung“ macht einen großen Teil des Humors im Text aus, weil das lyrische Ich immer wieder die eigenen Aussagen über seine finanzielle Sicherheit, den Beziehungsstatus, das Wetter oder den Zustand einer Couch relativiert. Inwieweit stellt das für Dich etwas in der aktuellen Zeit zu Beobachtendes oder eine gewisse Generation Prägendes dar?

„PeterLicht sagt „Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht, obwohl es vielleicht lustig war“ ... Nein, im Ernst, der Text hat ein großartiges Humorpotential. Allerdings bleibt einem das Lachen bald im Hals stecken, angesichts der Lage, in der wir uns befinden. In der Geschichte werden Themen angerissen, die uns alle betreffen. Geld, Klima, Liebe ... Alles Themen, die unser Wohlbefinden doch erheblich beeinträchtigen können. Und wenn dann der für uns noch eher weit entfernte Krieg, den wir nur aus den Nachrichten kennen plötzlich tatsächlich in unserem Wohnzimmer stattfindet, dann relativiert das doch ganz erheblich die Comfortqualität unseres Sofas. Also ja, ich finde diese Einschätzung knüpft unmittelbar an Probleme an, die die meisten Menschen umtreibt, ohne dabei mit der Moralkeule zu winken. Nennen wir es eher einen Assoziationsraum, der Gedanken und Gefühle anstoßen, und dabei ein tröstendes Verständnis für den Nächsten vermitteln will, weil wir letztlich doch (fast) alle in diesem Boot sitzen.“

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