„Brokeback Mountain“ eiskalt: Charles Wuorinens Oper in Gießen - Neue Musikzeitung
21.02.2022

Im Vergleich zu den Rekordeinnahmen, Auszeichnungen und Kontroversen von Ang Lees Film „Brokeback Mountain“ hat die Erfolgsgeschichte der Oper bisher nur wenige Stationen. Das zweite Bühnenwerk von Charles Wourinen (1938-2020) war 2014 die letzte für das Teatro Real Madrid von Gérard Mortier vergebene Auftragskomposition. Nach dem Theater Aachen und der von der New York City Opera übernommenen Produktion des Salzburger Landestheaters 2017 folgte eine Inszenierung am Stadttheater Gießen.

Seit der Erzählung von Annie Proulx (1997) und dem Film von Ang Lee (2005) sind die Figuren Ennis und Jack als „schwule Cowboys“ in die Kulturgeschichte eingeschrieben. Der amerikanische Komponist finnischer Abstammung vertonte die Story aber nicht sentimental, sondern schonungs- und kompromisslos. Dabei brach er mit einem bis in die Gegenwart gültigen Kardinalregel des Musiktheaters. In diesem ist die Musik für Liebende in Reibungen zum gesellschaftlichen Konsens immer Trost, Erfüllung, Rausch, Ekstase und metaphysischer Kitt.

Nicht so bei Charles Wourinen (1938-2020). Es ging ihm weniger um die Utopie einer Liebe als um die scheiternde Bewältigung eines zerstörerischen Ausnahmezustands. Ein Publikumshit wird Charles Wuorinens intelligente wie bei genauem Hören bezwingende Musik wahrscheinlich nicht. Denn diese ist nur bei der Darstellung von Konflikten und Eskalationen laut und obsessiv. Meistens aber bringt sie die Zeit zum Stillstand. Wuorinen begleitet – vorsätzlich ausgezehrt – die schroffe Verschlossenheit und leidenschaftliche Wortkargheit der beiden Protagonisten. Das Publikum ließ sich auf die spröde Partitur mit intensiver Aufmerksamkeit ein. In ihr pulsiert und vegetiert vor allem der Brokeback Mountain. Seine Musik schildert Gefährdungen durch die reale Natur, aber auch deren archaisch-symbolische Mystifizierung. Am Ende, wenn Jack tot ist und der sich immer gegen ein Zusammenleben wehrende Ennis allein zurückbleibt, stirbt auch die unnachgiebige Musik des Bergs. Es bleibt das kalte Schweigen.

Das Drama der beiden Cowboys, die zueinander finden und trotzdem ein „normales, anständiges Leben“ wollen, ereignet sich mit schnellen Szenenwechseln. Es kommt auf der nicht besonders großen Bühne des Stadttheaters Gießen zu äußerst eindringlicher, deshalb sogar lähmender Wirkung. Mit einem besteigbaren Wandbau von Lukas Noll und Marc Jungreithmeiers intensiven Videobildern umschließt der Brokeback Mountain alle Figuren.

Wuorinen komponierte eine anti-sinfonische Dichtung in zwei langen Teilen. In Gießen entsteht auf der Bühne dazu eine visuelle Dichtung für die von übergroßen Konflikten überrollten Kleindarsteller lebenswahrer Ereignisse. Letztlich ist es eine ästhetische Leistung, wie sich Wuorinen der Erfolgseuphorie der Queer History widersetzt. Seine Musik ist ebenso unbeleckt von Stonewall und Gay Liberation wie die von 1964 bis 1984 im von ruralen Zyklen bestimmten Wyoming angesiedelte Handlung. Die Kinder der beiden ihre Leidenschaft als Angelausflüge tarnenden Männer sind nur im Video präsent. In schräge bis exaltierte Fahrt kommt die Musik, wenn Ennis‘ Frau Alma einen Kinoabend als Erholung von Kindern und Küche fordert und dazu Ennis‘ Erwerbssituation – durchaus berechtigt – als unzureichend kritisiert.

In Gießen sperren sich auch die menschlichen Stimmen gegen den Wohlklang. Die Annäherung von Jack und Ennis vollzieht sich überwiegend in harschen Rezitativen, zu denen Hailey Clark als verzweifelte Alma einige souverän geschärfte Koloratur-Outputs beisteuert. Melodische Glückshormon-Ausschüttungen – Fehlanzeige! Die Liebe von Ennis und Jack tut den Hörern fast immer weh, sogar in deren intimsten Momenten. Deshalb gehört „Brokeback Mountain“ zu den traurigsten Partituren der letzten Jahre.

Die Schultern des Baritons Sebastian Noack hängen immer tiefer unter der Last von dessen Schicksal, weil Ennis sich wegen der Homophobie seines Vaters nicht zu seiner schwulen Liebe bekennen kann. Zur Hälfte besteht sein Part aus abweisenden Verneinungen und kurzen Sätzen, zwischen denen sogar die zerfallenden Orchesterphrasen des Endes von fast tröstender Fülle sind. Zur Tenor-Paradepartie wird es Jack nicht schaffen, weil Wuorinen in jede sportive Energiebekundung mindestens ein harmonisches Fragezeichen setzt. Samuel Levine singt das farbiger als Noack, der in Entsprechung dazu jeden Ton mit mehr Kraft und Ausdruck unterlegt.

Cathérine Miville, unter deren Intendanz das Stadttheater Gießen immer wieder mit neuen Werken auf sich aufmerksam machte, setzt die Annäherung mit subtiler, unaufdringlicher Körperlichkeit in Szene. Problematisch bleibt vor allem der als Beobachter von Ennis‘ Gefühlsüberwältigungen erst sehr spät zum Singen kommende Chor (Leitung: Jan Hoffmann). Wenig vokales und gestaltetes Gewicht haben mehrere Nebenpartien: Ilseyar Khayrullova als Jacks sympathische Frau Lureen, Tomi Wendt als Lureens Vater, Melinda Paulsen und Dan Chamandy als Jacks alte Eltern und Pawel Lawreszuk als Schafmogul Aguirre. Es gibt nur wenige Opern mit so vielen undankbaren Partien wie „Brokeback Mountain“.

In Gießen bedeuten die Enge des Lebens und die Weite des Brokeback Mountain fast dasselbe. Monika Goras Aufgabenfeld für die Kostüme war überschaubar: Cowboyhüte, Karohemden und Jeans in attraktiven Körperpassformen. Die Produktion entgeht erfolgreich den Klischees von Marlboro-Romantik, was einer Verkleinerung der Figuren gleichkommen muss. Neben der stillen Tonsprache des Brokeback Mountain geht es in der Oper um den unerträglichen Ist-Zustand, mit dem sich eine Liebe um ihr Pulsieren und ihr Entfalten bringt. Wuorinen presst das zwanzig Jahre lang nur auf Sparflamme befriedigtes körperliche und emotionale Begehren von Jack und Ennis in intensive und keineswegs nur schöne zwei Stunden. Er beschießt das Publikum mit tiefem Unbehagen, weil dieses sich nicht einmal an wenigen melodischen Glücksmomenten schadlos halten darf.

Für Dirigenten bedeutet dieses sinnvolle Konstrukt von musikalischen Mangelerscheinungen eine anspruchsvolle Herausforderung. Zwischen solistischen Wirkungen aus dem Orchester artikuliert sich Wuorinen mit einer sprechenden Leere, die so wichtig ist wie das Gesungene und Erklingende. Fabrizio Ventura hält die Spannung. Aber die Oper „Brokeback Mountain“ bleibt trotzdem ein sich durch Stille definierender Störfall.


Roland H. Dippel, Neue Musikzeitung (NMZ), 21.02.2022