Der bewegte Mensch auf der Suche nach dem Sein - Gießener Allgemeine Zeitung
06.09.2021

Drei Männer, drei Frauen. Sechs Charaktere. Sechs Soli. Das ist die Ausgangslage. Dazu ein flirrendes Stroboskop an Elektroklängen. Der neue Tanzabend »Alle _Eins« im taT setzt auf das Individuum, das auf der Suche nach dem Sein ist. Keinesfalls sind hier »alle eins«. Jeder ist ein Unikat. Der bewegte Mensch als Utopie.

Die erste Premiere der neuen Spielzeit steht unter der künstlerischen Leitung von Ballettdirektor Tarek Assam. Die Mitglieder der Tanzcompagnie Gießen präsentieren am Freitag verwegene Momente aus Produktionen des Stadttheaters sowie neue Choreografien. Die artifizielle Musik stammt unter anderem von Pan Sonic und Murcof. Der Abend ist eine Fortsetzung der Aufführung aus dem vergangenen Herbst. Damals, in der zweiten Welle, war nur ein Dutzend Personen als Publikum zugelassen. Nun ist der kleine Saal pandemiegerecht zur Hälfte gefüllt.

Das Programm strotzt vor Anspielungen. Da ist die an den Don Juan. Anders als in der Legende folgte in der Lesart von Assam vor knapp zwei Jahren beim gleichnamigen Tanzabend auf die Verführung die Vergewaltigung.

Zincone ist die Anmut in Person

Doch der alte Frauenheld Don Juan besitzt das Privileg des Begehrens heute nicht mehr allein. Auch die Frauen wollen wissen: Gibt es den idealen Partner? Und brauche ich den überhaupt?

Die Antwort liefert am Freitag Chiara Zincone. Sie tanzt ihr Duett aus dem »Don Juan« allein, spürt ihrem Partner nach.

Die Neapolitanerin ist die Ästhetin unter den Artisten, elegant und beweglich, feminin und sinnlich. Ihre Intensität strotzt vor Dynamik. Sie agiert punktgenau zur Musik, hat ihre »Kür«, die auf den Titel »Nordwestgrat« hört, untergliedert, was für Abwechslung sorgt und einen Spannungsbogen bringt. Im reduzierten Hosen-Outfit tanzt Zincone die Anmut in Perfektion.

Eher konventionell gibt sich Mona-Lisa Rigal. Die hochgewachsene Französin hämmert und schlägt in ihrem »Cloud.IA« in die Wolken, tritt in die Luft und verzweifelt am eigenen Ego. Sie gelangt nicht hinein in ihr unbenanntes Objekt der Begierde. »Je regrette«, sagt sie - »Es tut mir leid«. Rigals Bewegungen eröffnen den Abend, sind kraftvoll und emotional, aber nicht bis ins letzte Detail austariert.

Das Austarieren ist die Kunst der Madeleine Salhany. Die junge Tänzerin ist neu in der Compagnie und hat als Einzige für ihr Stück »Concerto Infinito« einen Musiktitel gewählt, der diesen Namen verdient. Jim Pinchen verwebt seinen Synthesizer-Sound mit der barocken Tonalität eines Johann Sebastian Bach und verleiht damit Salhanys biegsamem Tanz Erdigkeit. Die Kanadierin gleitet über die Bühne, zirkelt umher und findet ihren Mittelpunkt.

Seinen Mittelpunkt kennt auch Oskar Eon - im Hosenträger-Look und mit präziser Fußarbeit. Auf die weist er immer wieder hin. »B_Flat« hat der Franzose seine impulsive Performance überschrieben. Gleich zweimal demonstriert er den eingesprungenen Handstand mit angewinkelten Armen und Beinen, der nach einem Haltemoment in einen Kopfstand mündet. Eon allein beherrscht diesen Höhepunkt.

Gleidson Vigne, der alte Fuchs, ist als Mann bei sich. Er frischt sein Solo aus dem Auftakt des TanzArt-ostwest-Festivals von 2019 im Johanniter Luftrettungszentrum auf. Nicht umsonst heißt sein Beitrag »Take me up«. Vignes seitlicher Helikopter-Sprung mit halber Schraube in eine Stoppposition verursacht schon beim Zuschauen Muskelkater.

Fumarola gibt den Rhythmus vor

Dem gebürtigen Brasilianer gelingt es, weiträumige Bewegungen in kleinteilige Zirkel einzubinden. Er wirkt dabei maskulin und kühn.

Das kann auch Giovanni Fumarola von sich behaupten. Der Italiener bewegt sich zu Beginn seines »... and what?« überschriebenen Auftritts im Spotlight auf der Stelle. So gibt er den Rhythmus vor, der von den Percussions aufgenommen wird - großes Kino auf kleinem Raum. Fumarola konstruiert verwegene Details. Mal hat er Angst vor seinem Fuß, mal vor dem kompletten Fumarola. Ein Fest für die Sinne. Wie der ganze Abend.


Manfred Merz, 06.09.2021, Gießener Allgemeine Zeitung