DER ZERBROCHNE KRUG mit Dorfrichterin Adam - Gießener Allgemeine Zeitung
18.10.2021

Katharina Ramser inszeniert im Stadttheater »Der zerbrochne Krug« mit komplett vertauschten Geschlechtern - und legt in grandioser Manier die Tragik des Lustspiels frei.

Sie habe nach Harry Weinstein und #metoo gewusst, dass sie die Geschichte von »Der zerbrochne Krug« nicht so erzählen könnte, wie es in den 200 Jahren zuvor geschehen sei - als Lustspiel über den Übergriff eines älteren Mannes auf eine junge Frau, sagt Regisseurin Katharina Ramser. Konsequent vertauscht sie daher in ihrer Inszenierung für das Stadttheater das Geschlecht der Rollen. Und weil Ramser das mit Rücksicht auf den Sprachwitz und die messerscharfen Dialoge tut sowie den holzgetäfelten Gerichtssaal gegen einen riesigen Flokati eintauscht, unter den die Protagonisten ihre Geheimnissse kehren wollen, gelingt das in grandioser Weise. Der Spaß bleibt erhalten, aber der tragische Kern der Geschichte wird freigelegt.

Carolin Weber hat sich sicher in ihrer langen Schauspielkarriere nicht träumen lassen, dass sie einmal den Dorfrichter Adam - eine der großen klassischen Männerrollen - spielen wird. Doch Ramsers Geschlechterkehrtwende gibt ihr diese Gelegenheit. Und Weber nutzt sie überzeugend. Als Dorfrichterin Adam führt sie lustvoll die Durchtriebenheit der Person vor, die auch als Frau, indem sie männliche Machtstrukturen auslebt, alles andere als eine Sympathieträgerin ist. Sie windet sich mit immer neuen Lügengeschichten, zeigt sich in breitbeinigen Männerposen und missbraucht ihr Amt völlig skrupellos. Dass die Dorfrichterin auch den jungen Ivo (anrührend gespielt von Stephan Hirschpointner) missbraucht hat, daran lässt diese Inszenierung keinen Zweifel. Die Szene, in der der Krug auch im übertragenenen Sinne zerbricht und Ivo nackt als Opfer vor der lasziv auf dem Teppich liegenden Dorfrichterin steht, fügt Ramser hinzu. Aber es ist eine Ergänzung, die in ihrer erschütternden Intensität Sinn macht und wie ein Katalysator wirkt.

Auch dass Gerichtsrätin Walter (von Anne-Elise Minetti mit gnadenlos unterkühlter Domina-Atitüde gespielt), zwar der Dorfrichterin Adam am Ende auf die Schliche kommt, aber im Grunde keinen Deut besser ist, auch daran lässt die Regie keinen Zweifel. Am Ende sieht sich Ivo auch noch explizit den Avancen der Gerichtsrätin ausgeliefert.

Der Krug wird zum Riesenbembel

Die nur aus einem riesigen, hängenden Flokati bestehende Bühne von Michael Böhler und die in Schwarz, Weiß und Grau gehaltenen Kostüme von Katharina Sendfeld (mit kleinen Einsprengseln in Feministinnen-Lila) geben durch Reduktion und Abstraktion dem Spiel Raum. Grotesk verzerrte Requisiten - der Krug wird zum überdimensionalern Bembel, es gibt eine hessische Riesenwurst, aber nur ein winziges Gesetzbuch - dienen als unterhaltsame Hingucker.

Und natürlich büßt das Kleist’sche Lustspiel-Personal nichts an Skurrilität ein: David Moorbach darf als etwas tumber Martin Rull über die Zerstörung des Krugs lamentieren, Ivos Verlobte Ruperta (Johanna Malecki) in Amazonenmanier poltern, der wirrhaarige Herr Birkenfeld (Lukas Goldbach, der auch schon als Bediensteter der Dorfrichterin mit seinem vergeblichen Kampf gegen die Flokati-Fussel für Lacher sorgt) über den angeblich flüchtenden Teufel berichten. Und Schreiberin Licht, die Paula Schrötter als intrigante Karrieristin in all ihrer Scheinheiligkeit zeigt, macht klar, dass auch Frauen die Ellbogen ausfahren können. Wie sehr Kleists Originaltext mit Rollenklischees spielt, wird in der Geschlechterumkehrung erst richtig entlarvt.

Nach unterhaltsamen, aber auch zum Nachdenken anregenden 90 Minuten endet das Lustspiel. Und auch wenn das Premierenpublikum sich nicht zu einem »Bravo« für Regie und Carolin Weber durchringen konnte - beide hätten es verdient.


Karola Schepp, 18.10.2021, Gießener Allgemeine Zeitung