Die ersten Schritte sind gemacht - Gießener Anzeiger
06.09.2021

Saisonauftakt auf taT-studiobühne mit Uraufführung des Tanzstücks „Alle_Eins“ / Choreographien von Tarek Assam und Mitgliedern der Gießener Tanzcompagnie

Der erste Abend dieser neuen, mit Spannung und Vorfreude gleichermaßen erwarteten Theatersaison gehörte dem Tanz. „Alle_Eins“ lautet der Titel des knapp einstündigen Programms, zu dem Tarek Assam, Ballettdirektor des Stadttheaters, und Mitglieder seiner Tanzcompagnie insgesamt sechs Solo-Choreographien beigesteuert haben. Und dieser Auftakt hätte in seiner reduzierten, aber dennoch reizvollen Form programmatischer nicht ausfallen können.

Der Bühnenraum blieb vollkommen schwarz und leer, auf Kostümierungen jeglicher Art wurde verzichtet, Paar- oder Ensembleszenen waren nicht zu sehen. So lässt sich „Alle_Eins“ ganz wörtlich verstehen. Die je drei Tänzer und Tänzerinnen, die nacheinander ins Scheinwerferlicht traten, waren jeweils ganz alleine zu erleben, durch das gemeinsame Stück aber doch immerhin lose verbunden. Der Unterstrich im Titel deutet es vage an. Ganz ähnlich dürften sie sich wohl in den langen zurückliegenden Monaten des Auftrittsverbots gefühlt haben.

Natürlich sind es die Pandemiebestimmungen, die ein Anknüpfen an die Vor-Corona-Zeiten gerade im Tanz weiterhin nicht möglich machen. Und so beschränkten sich die jungen Künstler also auf Solo-Partien, in denen sie Emotionen und Geschichten verdichten sowie die eigene Persönlichkeit zum Vorschein kommen ließen. Als Begleitmusik waren dazu vor allem elektronisch Klangflächen zu hören. Mal sanfter und elegischer, mal rauer und aufgeladener. Ausgewählte Tracks stammen etwa vom Düsseldorfer Elektroduo „Grandbrothers“, von dem finnischen Projekt „Pan Sonic“ oder dem mexikanischen Elektrofrickler Murcof.

Zu diesen mal mehr sphärischen fließenden, mal mehr pumpenden Klängen und Rhythmen tanzten die Ensemblemitglieder Partien, deren Charakter durchaus unterschiedlich ausfiel. Bei dem vor einem Jahr zum Ensemble gestoßenen Franzosen Oskar Eon zeigte sich etwa eine bedrohliche Aufladung von Energie, die durch flirrendes, wie Strom aus den Boxen strömendes Surren untermalt wurde. Stemmend und stoßend waren seine Bewegungen, wie gegen einen übermächtigen Gegner gerichtet. Leicht lässt sich erahnen, wer das sein könnte. Bei den drei Tänzerinnen fielen die Bewegungen hingegen eher suchend und tastend aus. Auf eindrückliche Weise bedrohlich wirkten aber auch diese Szenerien.

Das Düstere, Schwere war durchgehend präsent an diesem Eröffnungsabend. Dennoch bleibt erleichtert festzuhalten: Die ersten Schritte sind gemacht – und damit die Lust des Publikums auf mehr. Bei der Uraufführung tanzten: Mona-Lisa Rigal, Madeleine Salhany, Chiara Zincone, Oskar Eon, Giovanni Fumarola und Gleidson Vigne.


Björn Gauges, 06.09.2021, Gießener Anzeiger