Gefeierte Premiere im Gießener Stadttheater - Gießener Anzeiger
18.10.2021

Alle Frauen sind Männer und umgekehrt: In der Inszenierung von Katharina Ramser sieht sich das Kleist-Stück "Der zerbrochne Krug" ganz anders an.

Einen vollen Erfolg feierte am Samstag die Premiere von Heinrich Kleists Lustspiel "Der zerbrochne Krug" im Stadttheater vor voll besetztem Haus. In der Inszenierung Katharina Ramsers sah sich die Groteske völlig anders an: Alle Frauen sind Männer und umgekehrt. Vor allem aber war das exzellent gespielt und mit großem Witz rübergebracht. Carolin Weber als Dorfrichterin und Anna-Elise Minetti als Gerichtsrätin lieferten mit dem toll disponierten Ensemble Topleistungen ab: ein wahres Vergnügen.
Es ist ein historisches Stück, denn mit ihm wurde 1907 das Stadttheater eingeweiht, immerhin. Eine sehr sorgfältig eingerichtete Produktion, deren Anspruch aufs Anderssein sich schon mit der Flokatifläche zeigt, die sich wie ein Fotohintergrund in die Spielfläche fortsetzt. Abstraktion also und Transport ins Heute? Zunächst mal deutliche Dämpfung der Verständlichkeit, das Ding schluckt enorm; nicht unproblematisch bei einem so dialogbetonten Stück (Bühne Michael Böhler, Licht Jan-Moritz Bregenzer).

Aber dafür geben die Darsteller alles. Carolin Weber als Dorfrichterin Adam, die gerade verkatert aus tiefem Schlummer erwacht, wird von ihrer Schreiberin Licht (präzise und nuanciert, sehr gut in der Gestaltung der Figur: Paula Schrötter) an den anstehenden Gerichtstag erinnert. Sie sind ein Duo, das sofort klar macht, dass hier ein Vergnügen zu erwarten ist.

Weber bringt die selbstgerecht-gockelhafte, irgendwie unweibliche Art der Figur bestens rüber und gibt ihrem Affen Zucker: köstlich. Schrötter wiederum verleiht der Schreiberin eine ansehnliche, beflissen-kompetente Wirkung, im Hintergrund schimmert die Kritik durch. Hier spätestens müssen Katharina Sendfelds fabelhaften, todschicken Kostüme erwähnt werden, die zugleich die Figuren in ihrer Persönlichkeit nachzeichnen und das Ganze in eine zeitlose, vielleicht aktuelle Ebene versetzen helfen.

Die Gerichtsverhandlung hat Ramser fast ohne Mobiliar als strukturiertes Chaos angelegt, das klarmacht, dass Frau Adam eine sehr spontane, unstrukturierte Arbeitsweise pflegt, mal hü, mal hott, mal so oder auch so. Was die Gerichtsrätin sehr kühl kommentiert: "Von Ihrer Aufführung bin ich nicht begeistert," was Minetti einfach herrlich komisch abliefert. Die weiteren Figuren bleiben vom Buch her etwas schwach, was beim Geschädigten Martin Rull (routiniert und natürlich: David Moorbach) besonders deutlich wird: Moorbach spricht fast durchgehend zu schnell für die schlechte Akustik. Dafür präsentiert er das Corpus delicti, einen riesigen Prachtbembel, den die Richterin beim hastigen Verlassen nach Nächtigung bei seinem Sohn vom Fensterbrett stieß und sich dabei Wunden an Kopf und Fuß zuzog. Schlimmer noch, sie verlor ihre Perücke, das Zeichen ihrer Amtswürde, was das ernste Problem nach sich zieht, Ersatz zu beschaffen.

Jetzt müsste sie nur noch einen Schuldigen finden und verurteilen, und der Tag und ihre Ehre wären gerettet. Aber da kommt die Gerichtsrätin vorbeigeschneit und will ihre vorgesetzte Nase in die Akten reinstecken, vor allem aber in die Verhandlung.

Der Auftritt Anna-Elise Minettis als Gerichtsrätin ist der nächste Lichtblick. Sie verkörpert verblüffend authentisch die Autorität, die Respektsperson, die Vertreterin der Macht, und weiß das mit minimalen Mitteln zu realisieren. Ihr fließendes Gewand lässt sie größer wirken, ihre statuarische Pose changiert zwischen Arroganz und unendlicher Überlegenheit, was sich auch in der gestelzten, langsamen und stets souveränen Sprache äußert. Dabei ist sie zum Schießen komisch, nicht erst, wenn sie ihr winziges Notizbüchlein rausnimmt, das sie als Zeichen ihrer Macht gelegentlich am Band rotieren lässt.
Derweil treten die Zeugen auf, indem sie sich wie alle Figuren unter dem großen Vorhang ins Bild rein rollen. Da sind Ivo Rull, der Sohn des Geschädigten (Stephan Hirschpointner glaubhaft als braver Junge) und seine Verlobte Ruperta (Johanna Malecki mit schön punkiger Präsenz), die zunächst beschuldigt wird. Schließlich erscheint der Herr Birkenfeld (Lukas Goldbach mit komischer Brillanz) als sachdienlicher Zeuge. Während Adam zunehmend nervöser wird - Weber macht das mit großartigen Details und Gesten, nie übertrieben - hagelt es Korrekturen und auch Tadel von oben, laufen ihre Vertuschungsversuche schief, und den Anwesenden wird nach weiteren absurden Ausreden klar, wer hier den Sachschaden angerichtet hat. In dem ganzen Wirrwarr der Handlung macht die Zeichnung der Figuren auch im Detail großen Spaß. Die Inszenierung nutzt eine geschickt gemachte Musik mit klassischen Elementen, um zeitlose atmosphärische Akzente zu setzen, und setzt gelegentlich Tontricks ein, um die Handlung wirksam zu unterstützen; ganz modern. Vor allem der finale Soundeffekt setzt nach einer grandiosen Szene mit Minetti und Hirschpointner erneut ein absurdes Ausrufezeichen - cool.

Charakteristik und Witz der Vorlage (die die Kürzung bestens überstand) sind bestens gewahrt, der allgemeine Rollentausch verfehlt allerdings seinen eventuell gedachten dramaturgischen Zweck (Dramaturgie: Carola Schiefke): Auch in Ramsers weiblichem Szenarium bleibt alles beim Alten, und es werden keine neuen Aspekte aufgezeigt - es wird halt immer gelogen und Amtsmissbrauch geübt. Dennoch ist die ganze Anmutung frisch und attraktiv. Das Publikum war schwer begeistert und applaudierte lange und heftig.


Heiner Schultz, 18.10.2021, Gießener Anzeiger