Genial vom Knappen bis zum König - Gießener Anzeiger
01.11.2021

Inszenierung von »Spamalot« feiert Premiere im Stadttheater – Humorvolle Suche nach dem Gral

»Was blödelt Ihr so sinnlos in Camelot herum? Findet den Gral. Die Leute da unten haben nicht den ganzen Abend Zeit«, sagt die »Hand Gottes« zu Artus, dem sagenumwobenen König. Historisch belegt ist dies selbstverständlich nicht, sondern die Szene stammt vielmehr aus der Feder von Eric Idle. Das Mitglied der 1983 aufgelösten britischen Comedy-Gruppe »Monty Python«, die sich mit ihrem grotesken schwarzen Humor weltweit einen Namen gemacht hat, schrieb die Originaltexte zum vielfach ausgezeichneten Musical »Spamalot «. Am Samstagabend feierte es im Gießener Stadttheater unter langanhaltendem Applaus Premiere. Und der war redlich verdient, sowohl für die 13 hervorragend aufspielenden Akteure, die zum Teil gleich in mehrere komplett unterschiedliche Rollen schlüpften, als auch für eine perfekte Leistung des spartenübergreifenden Ensembles.

Bei dieser Inszenierung passte einfach alles: Schauspiel, Musik, Choreographie, Kostüme, Bühnenbild. Das humorvolle, leicht schräge Stück, das 2005 am Broadway Premiere hatte, basiert auf dem »Monty-Python«-Film »Ritter der Kokosnuss« von 1975, der lose auf der Artus-Sage aufbaut.

Wie der Film enthält auch das Musical eine unerschöpfliche Reihe von Zitaten und Referenzen auf andere literarische, filmische, philosophische und popkulturelle Werke, die sich oftmals nicht auf den ersten Blick erschließen. Ergänzt wird das Ganze um einen Gießen-Bezug, bei dem Namen wie Volker Bouffier und Til Schweiger nicht fehlen durften. Auch aktuelle Themen – wie zum Beispiel Diversität – werden von den Rittern des Mittelalters aufgegriffen: »Darüber wird es noch in 1000 Jahren Kontroversen geben.«

Im Mittelpunkt des Musicals steht König Artus, »ein visionärer Anführer auf heiliger Mission«, der Ritter um sich
schart, um den heiligen Gral zu finden. Keine einfache Aufgabe, zumal die Hoheit noch nicht einmal ein Pferd besitzt, stattdessen aber einen Pagen namens Patsy, der durch das Aneinanderschlagen von Kokosnusshälften diese perfekt zu imitieren weiß. Als Artus brilliert ein stimmgewaltiger Tomi Wendt, ihm zur Seite steht eine mal devote, mal aufmüpfige Anne-Elise Minetti, die sowohl gesanglich als auch tänzerisch perfekt abliefert und sich schnell in die Herzen der Zuschauer spielt.

Einen ganz großen Auftritt hat Sophie Berner, die zuletzt mit einem Soloprogramm über starke Sängerinnen auf der Bühne des Stadttheaters stand: als »Die Fee aus dem See« oder Ginevra, die König Artus zu seinem sagenhaften Schwert Excalibur verhilft. Als die Ritter ihre Suche nach dem heiligen Gral abbrechen wollen und sich fragen »Können wir nicht einfach einen neuen kaufen?«, taucht sie, einer Art Freiheitsstatue gleich, aus dem Boden auf und fordert die verzweifelten Ritter stimmgewaltig auf: »Zeigt Moral, sucht den Gral.«

»Killerkaninchen«

Welche Ritter sollen diese Herausforderung bewältigen? Das sind: der todesverachtende Sir Lancelot (David Moorbach), der sich im späteren Verlauf allerdings als weicher entpuppt als es auf den ersten Blick scheint, der nicht ganz so tapfere Sir Robin (Tom Wild), der attraktive Sir Galahad (Magnus Pflüger), der zwar gerne Ritter wäre, aber nicht kämpfen möchte, und Sir Belvedere (Lukas T. Goldbach), der meint, alle Sprachen zu beherrschen, jedoch gerne mal das französische »Vache« mit »Wäsche« übersetzt. Alle zusammen wollen der »rauen ungehobelten Epoche das Licht der Tugend« schenken.

Der Gießener »Spamalot«-Inszenierung gelingt es, wie im Original gewollt, auf vortreffliche Weise nicht nur die Artus-Sage, sondern auch das Musical-Genre selbst zu parodieren. Wer genau hinhört, erkennt unter anderem das hebräische Volkslied »Hava Nagila« ebenso wie Marianne Rosenbergs »Er gehört zu mir« oder das schottische Volkslied »Auld Lang Syne. Die gute alte Discokugel wird ins Stück integriert, zudem gibt es eine Reminiszenz an New York, die Stadt, die niemals schläft, oder Gene Kellys legendären Tanz mit dem Regenschirm aus »Singing in the Rain«. Auch Zitate wie »You shall not pass« können Filmfans schnell einordnen.

Texte und Figuren werden weitgehend aus dem bekannten Film übernommen. So darf die legendäre Szene mit dem ach so niedlich aussehenden Killerkaninchen (»dem blutrünstigsten aller Kreaturen«) oder dem schwarzen Ritter, der obendrein noch ohne Arme und Beine weiterkämpft, nicht fehlen. Die makaberen Szenen werden wunderbar ideenreich umgesetzt.

Während bei einigen Szenen das Lachen eher im Halse stecken bleibt, darf bei anderen herzhaft gelacht werden. Beispielsweise, als die Ritter sich mit den Wächtern einer Burg (»Wir sind Franzosen, deshalb haben wir diesen komischen Akzent«) in die Haare geraten und von diesen mit einer Plüschkuh beworfen werden. Vielseitigkeit beweist Stephan Hirschpointer als »Herbert «, der von seinem tyrannischen Vater unbedingt verheiratet werden soll, als nochnicht-toter Fred oder Merlins Zauberlehrling, der versucht, mit »Aloho-mora« das Tor von Camelot zu öffnen. Eine Rolle, die ihm auf den Leib geschrieben scheint und vom Publikum mit heftigem Applaus honoriert wird.

Richtig grotesk wird es, als die immer mal wieder aus dem Himmel auftauchende überdimensionale »Hand Gottes« – gesprochen vom musikalischen Leiter Martin Spahr – die Ritter der Tafelrunde dazu auffordert, ein Musical zu finden. Den entscheidenden Tipp erhalten sie von der »Frau im See«. Wiederholt wird im Musical die vierte Wand durchbrochen und der Zuschauer so Teil des großen Abenteuers. Ob »Spamalot« wirklich mit »Kuss am Schluss« endet, wie es sich die Fee wünscht, und an welch seltsamem Ort der Gral entdeckt wird, soll an dieser Stelle allerdings nicht verraten werden.

Fröhliches Summen

Gesprochen und gesungen wird auf Deutsch. Eine Ausnahme bildet die berühmte Textzeile »Always look on the bright side of life«, die von einigen Zuschauern fröhlich mitgesummt wird. Hinzu kommen so wunderschöne Lieder wie das Duett zwischen Artus und Patsy »Ich bin allein« oder »Wann geht’s hier wieder mal um mich?«, das Sophie Berner stimmgewaltig intoniert. »Niemals war ich inaktiver, dabei bin ich doch die Diva«, singt sie. Inaktivität kann man jedoch weder ihr noch ihren Mitspielern vorwerfen, sondern eine ganz starke oder – wie im Publikum zu hören war – geniale Leistung: vom Knappen bis zum König! Neben Regisseur Thomas Goritzki und dem musikalischen Leiter Martin Spahr gilt ein ganz großes Lob auch Heiko Mönnich, der mit seiner Ausstattung eine wahre Materialschlacht auf der Bühne entfesselt hat und dessen aufwendigen Kostüme ein wahrer Augenschmaus sind.


Petra Zielinski, 01.11.2021, Gießener Anzeiger