Gut gebrüllt, Löwe! - Gießener Allgemeine Zeitung
13.11.2021

Sechs Tänzer wollen im taT ein Liebesdrama aufführen, wissen aber nicht so genau, wie. Shakespeare kann helfen. Ovid auch. Das Stück im Stück beginnt.

Also was denn nun? Das fragen sich sechs junge Menschen. Sie wollen ein Tanztheaterstück nach Ovids »Pyramus und Thisbe« aufführen. Jenes Liebesdrama, das sechs humoristische Handwerker in Shakespeares »Ein Sommernachtstraum« im Zauberwald auf die Bühne bringen. Hier wie dort macht die Rollenverteilung Probleme. Die Interpretation auch. Es wird viel geplappert.

Schon fährt dem Projekt ein Spuk in die Parade. Fluffige Feen und flatterhafte Elfen wehen herbei. Das Timing gerät aus dem Takt, verfügt über ein Eigenleben. Es kommt zu magischen Verwandlungen. Was ist Illusion, was Realität?

Und dann auch noch Corona. Die Akteure werden zu Beginn per Sprühflasche teildesinfiziert. Sie müssen die Hygieneregeln ebenso einhalten wie die Abstände beachten, weshalb mit Maßband in der Hand auf 1,5 Meter Entfernung ein ironischer Reigen getanzt wird. Schließlich steht die Truppe auch noch unter Termindruck.

Der Tanzabend »Our play is« von Susanna Curtis und der Tanzcompagnie Gießen setzt auf die Faszination eines Stückes im Stück. Es strotzt vor Fantasie. Bei der Premiere am Donnerstag ging es auf der Bühne des taT hoch her. Am Ende gab es dafür lang anhaltenden Applaus vom Publikum.

Choreografin Curtis, in London geboren, lebt und arbeitet seit 1988 in Deutschland. Zum ersten Mal ist sie in Gießen zu Gast. Während bei Shakespeare Zimmermann, Weber, Tischler und Co. als dilettantische Handwerker auftreten, verkörpern bei Curtis die Tänzer die Komponenten eines Theaterstücks.

Julie De Meulemeester ist als Sound unüberhörbar, Magdalena Stoyanova in der Rolle des Lichts nicht zu übersehen. Jeremy Curnier gibt den Anführer, während Michael D’Ambrosio die Muskeln spielen lässt und kongenial das Bühnenbild verkörpert. Den femininen Part hat Chiara Zincone inne. Sie präsentiert auf dem Catwalk eine hintersinnige Modenschau.

Die Musik dazu stammt unter anderem von Felix Mendelssohn Bartholdy (sein »Sommernachtstraum« dient als akustischer Rahmen), Hans Leo Haßler, Michael Praetorius, Henry Purcell und The B-52s. Nicht zu vergessen die komponierte Percussions-Einlage von Werner Heider. Der Höhepunkt des Abends findet sich gleich am Anfang, wenn Gleidson Vigne das Drama »Pyramus und Thisbe« unnachahmlich im Alleingang darstellt.

Das Schwert des Todes

In zwei Minuten zeigt er dies: Pyramus und Thisbe sind ein Liebespaar. Die beiden verabreden, nachts abzuhauen. Thisbe ist früher am Treffpunkt als Pyramus und flüchtet vor einer Löwin, die vom Fressen ein blutiges Maul hat. Dabei verliert das Mädchen seinen Schal. Er wird vom Löwen zerrissen und mit Blut beschmiert. Als Pyramus den Schal findet, glaubt er, Thisbe sei tot. Er stürzt sich in sein Schwert. Als Thisbe den sterbenden Geliebten entdeckt, nimmt sie sich ebenfalls das Leben.

Ausstatterin Denise Schneider fängt die Vorlage mit einem auf Würfelelemente, Flightcase und Garderobenständer reduzierten Bühnenbild ein. Sie verpasst den Figuren stimmige Kostüme - vom knappen schwarzen Leibchen bis zum bunten Feendress. Videoeinspielungen schaffen Atmosphäre. Ein traumhafter Abend, der am 27. November und 25. Dezember erneut über die Bühne fegt.


Manfred Merz, 13.11.2021, Gießener Allgemeine Zeitung