Im falschen Leben gelandet - Gießener Anzeiger
21.02.2022

Cathérine Miville bringt im Stadttheater Gießen die Oper »Brokeback Mountain« in wunderschönen Bildern auf die Bühne. Es geht um das Schicksal zweier verliebter Cowboys.

Es grollt im tiefsten Fagott und in den Bässen, unterlegt von leisen Trommelwirbeln. Mit kurzen Sentenzen klinken sich nach und nach Klavier, Xylophon und Bläser ein. Zu den bedrohlich wabernden und ein wenig unheimlich wirkenden Klängen rückt ein Berg in seiner ganzen majestätischen Herrlichkeit ins Blickfeld, über dessen Gipfel Wolken schnell dahinjagen. Alles in Schwarzweiß. Fast kommt man sich vor wie in einem alten Filmklassiker von Luis Trenker, in dem es zu überwältigend schönen Bildern immer ahnungsvoll grummelt, aber man sitzt im Stadttheater und erlebt ein Musikwerk des 21. Jahrhunderts: In einer stimmungsvollen und farbenreichen Inszenierung hat Cathérine Miville als Regisseurin die Oper »Brokeback Mountain« des US-Komponisten Charles Wuorinen nach der gleichnamigen Erzählung und dem Libretto von Annie Proulx auf die Bühne gebracht. Zweieinhalb Stunden, die im Leben der Bühnenprotagonisten zwanzig Jahre sind, befindet sich das Publikum im Sog der atonalen Klänge und nimmt Anteil am Schicksal zweier Cowboys, die ihr Leben nicht leben können, wie sie gerne wollen.

Wie viele Opern handelt auch diese von einer Liebe, die in einem von Unwissenheit, Engstirnigkeit und Borniertheit geprägten Umfeld keine Chance hat. Es ist die aus dem gleichnamigen, mit mehreren Oscars preisgekrönten Film bekannte Geschichte einer Männerliebe im ländlich-biederen Amerika der Jahre 1963 bis 1983. Jack und Ennis kommen sich in der menschenleeren Gebirgsregion des Brokeback Mountain beim Schafehüten näher. »Es ist ein böser Ort, der Männer tötet«, heißt es zu Beginn an einer Stelle. Aus anfänglicher Kameradschaft wird bald innige, leidenschaftliche Liebe. Hin- und hergerissen zwischen heimlicher Liebe und gesellschaftlicher Konvention wollen sie ein »normales Leben« führen: Sie gründen Familien, bauen Häuser, werden Väter, aber ihre Sehnsucht lässt sie ihr ganzes Leben nicht mehr voneinander loskommen.

Unter der Stabführung des feinfühlig agierenden Gastdirigenten Fabrizio Ventura kommt eine Musik zum Vorschein, in der sich Einflüsse der Zwölftonmusik, besonders jedoch von Arnold Schönberg, Alban Berg und dem späten Strawinsky widerspiegeln. In der atmosphärisch dichten Wiedergabe durch das Philharmonische Orchester Gießen wird deutlich, dass der Komponist mit seinen Klängen nicht nur die schroffe Bergwelt Wyomings, die ewig unerschütterliche Natur, nicht nur die Freiheit und Weite des Landes beschwört, sondern auch das gesellschaftliche Klima der Provinzstadt und das aufgewühlte Seelenleben der Protagonisten beleuchtet. Denn die eigentliche Handlung spielt sich in der Musik vom zarten Fortissimo bis zum laut tönenden Blech ab. Insgesamt kommt das alles modern daher, erweist sich aber im Grunde als recht zugänglich. Allerdings verfestigt sich im Verlauf der Aufführung der Eindruck von klanglicher Beliebigkeit, sodass die Spannung im zweiten Teil ein wenig nachlässt.

Das dicke Plus der Inszenierung ist die optische Umsetzung. Hier haben Lukas Noll (Bühne), Marc Jungreithmeier (Video) und Thomas C. Hase (Licht) ganze Arbeit geleistet, indem sie den Bühnenraum in immer neue wunderschöne Bilder tauchen. Über allem thront eine Bergsilhouette, auf der sich mal das schroffe Gestein, mal eine ziehende Schafsherde, mal Wälder und ein glasklarer Gebirgssee zeigen. Über dem Zeltlager der Cowboys samt Lagerfeuer spannt sich ein Sternenhimmel, wie ihn Van Gogh nicht eindrucksvoller gestaltet hat. Und wenn Jack und Ennis ihre erste gemeinsame Liebesnacht im Zelt verbringen, fallen dicke Schneeflocken und das Orchester entfesselt einen wilden Taumel. Selbst im kleinbürgerlichen Heim, wenn Alma am Bügelbrett steht und im Hintergrund das Kind mit Bauklötzen spielt, ist das Bild des übermächtigen Berges allgegenwärtig. Man kann auch sagen: Alle leben im langen Schatten des Brokeback Mountain, keiner entkommt der Macht des Berges.

Berührende Schlussszene

In dieser auf die Liebesbeziehung der beiden Cowboys zugespitzten Oper brillieren die beiden Hauptdarsteller Sebastian Noack als Ennis und Samuel Levine als Jack nicht nur als Sänger in schwierigen Rollen mit enormem Umfang, sondern auch als lebenspralle, glaubwürdige Darsteller. Gesanglich jederzeit Herren der Lage, lassen sie mit nicht nachlassender Energie ihre Liebe als echt und einzigartig erscheinen. Ihre Liebesszene im Zelt und die kurze Nacktszene im Bett des Motels sind von der Regie sehr dezent ins Bild gesetzt. Und wenn sich Ennis nach Jacks Tod in der berührenden Schlussszene beklagt, dass es ein Fehler war, sich nicht beizeiten zur Liebe bekannt zu haben, verleiht Noack seiner Figur tragische Größe.

Cathérine Miville schenkt aber auch den Frauen die gebührende Aufmerksamkeit, die in ihren Ehen mit den Cowboys schon bald feststellen müssen, dass sie im falschen Leben gelandet sind. So gibt die US-Amerikanerin Hailey Clark als Alma (Ehefrau von Ennis) eine eindrückliche Vorstellung, indem sie das Elend der alleingelassenen, vernachlässigten Frau herausschreit. Auch Ilseyar Khayrrullova hat als Lureen (Jacks Frau) diese Töne der vom Leben betrogenen Frau verinnerlicht. In den weiteren Rollen runden Pawel Lawreszuk (Schafzüchter Aguirre), Tomi Wendt (Lureens Vater), Melinda Paulsen (Jacks Mutter), Dan Chamandy (Jacks Vater), Antje Tiné (Almas Mutter), Ayano Matsui (Brautausstatterin), Shawn Mlynek (Cowboy) und Vepkhia Tsiklauri (Bill Jones) den positiven Gesamteindruck ab. Das Publikum dankte allen Beteiligten mit minutenlangem Applaus.


Thomas Schmitz-Albohn, 21.02.2022, Gießener Anzeiger