Sie wollen doch nur spielen - Gießener Anzeiger
13.11.2021

Gewitzter Tanzabend »Our Play Is« zeigt ein Stück im Shakespeare-Stück

Soviel gegrinst, gekichert, gelacht wurde schon lange nicht mehr bei einer Aufführung der Gießener Tanzcompagnie. Dabei ging es doch eigentlich um eine ernste Angelegenheit: Ovids antike, von Shakespeare im »Sommernachtstraum« aufgegriffene Erzählung »Pyramus und Thisbe« steht auf dem Spielplan: ein hochdramatisches Liebesdrama mit tödlichem Ausgang. Doch Gastchoreographin Susanna Curtis und ihr sechsköpfiges Ensemble machen daraus einen überaus gewitzten Tanzabend, der auch jede Menge ironische Selbstbespiegelungen bereithält. Am Donnerstagabend feierte das Stück »Our Play Is« seine Uraufführung auf der taT-studiobühne – nach rund 75 Minuten Spielzeit wurde es vom Publikum ausgiebig gefeiert.

Verzweifelter Spielleiter

Das britische Ensemblemitglied Jeremy Curnier ist hier der ebenso gestrenge wie – vermeintlich – bemitleidenswerte Spielleiter, der die Umsetzung des Stoffes auf der Tanzbühne vorantreiben soll. Er achtet zunächst penibel darauf, dass seine fünf Mitstreiter die Hände desinfizieren. Und um die geforderten 1,50 Meter Abstand voneinander zu halten, kreisen die drei gebildeten Paare bald darauf in einer wunderbaren Szene mit Maßbändern umeinander, um sich auf Viren-Distanz zu halten. Doch bald schon werden in diesem Lockdown-bedingt verschobenen Stück die Regeln unterlaufen – und die Tänzerinnen und Tänzer beginnen damit, ihre eigenen Ideen auszuprobieren.

Die in Glasgow aufgewachsene, in Nürnberg lebende Susanna Curtis sorgt in ihrer ersten Zusammenarbeit mit der Tanzcompagnie Gießen für ein persiflierendes Stück im Stück. Immer wieder scheinen in »Our Play Is« die Bezüge zum berühmten »Sommernachtstraum« auf. Und so strolchen auch hier irrwitzige Waldgeister über den Bühnenhintergrund, während einzelne Ensemblemitglieder zu wunderbarer Barockmusik von wenig bekannten Komponisten wie Hans Leo Hassler oder Michael Praetorius ihre eigenen Versionen des Dramas auf die Bühne bringen.

Der Brasilianer Gleidson Vigne etwa, der »Pyramus und Thisbe« forsch als Solo in wenigen Minuten durchspielt. Und zwar die komplette Handlung mitsamt allen beteiligten Figuren: Zwei Liebende wohnen Tür an Tür nebeneinander, dürfen sich aber auf Wunsch ihrer Eltern nicht leibhaftig begegnen. So kommunizieren sie durch einen Mauerspalt, bis ein bissiger Hund für dramatische Missverständnisse und die selbstgewählte Entleibung des Paares sorgt. Kürzer und prägnanter als Vigne kann man diesen Stoff wohl kaum präsentieren, während er damit gleichzeitig auch die Eitelkeiten und Selbstsüchteleien eines Theaterensembles aufs Korn nimmt.

Überhaupt sind die sechs Ensemblemitglieder hier allesamt auch als Schauspieler gefordert. Viel wird gesprochen (in den Sprachen ihrer Herkunftsländer), die Tanzszenen werden immer wieder durch kleine Zwischenspiele durchbrochen. So wechseln permanent die Tonlagen, die Aggregatzustände, die Tanzstile. Da passt dann sogar eine Ensembleszene mit fürchterlicher Eurotrash-Musik zur Handlung.

Susanna Curtis findet für ihr Stück eine ganz eigene, ungemein entspannte und im besten Sinne unterhaltsame Form, um mit dem selbstgesetzten Thema umzugehen. Dass die beiden Liebenden am Ende dramatisch sterben, sorgt in der taT-studiobühne jedenfalls für keine schlaflosen Nächte. Im Gegenteil: In einer der rasantesten Szenen des Abends zeigt das Ensemble, auf welche Weise man sich selbst vom Leben zum Tode befördern kann. Eine irrwitzige »Death-Challenge«, auf die sich nicht anders als grinsend – oder gar mit lautem Lachen – reagieren lässt.


Björn Gauges, 13.11.2021, Gießener Anzeiger