Verdammt, ich lieb dich! - Gießener Allgemeine Zeitung
21.02.2022

Der Berg ruft: Die Oper »Brokeback Mountain« entführt im Stadttheater in die eisige Kälte menschlicher Intoleranz. Homosexualität als missliebiges Fremdwort.

Schwule Cowboys küssen sich. Dumm nur, dass die Menschen in Wyoming Vorbehalte haben. Davon kann Annie Proulx ein Lied singen. Nach der Veröffentlichung ihrer Kurzgeschichte »Brokeback Mountain« 1997 über zwei anfangs 19-jährige Schafhirten, die in den Bergen Nordamerikas ihre Liebe zueinander entdecken, war das noch kein Problem. Doch die oscarprämierte Verfilmung 2005 brachte der heute 86-jährigen US-Autorin neben Lob auch Anfeindungen ein. Sie zog weg aus Wyoming.

Alles in allem, so sagt die preisgekrönte Schriftstellerin heute, wäre sie froh, sie hätte die Geschichte nie geschrieben. »Seit dem Film gab es nur Ärger, Probleme und Irritationen.« 2014 folgte die zeitgenössische Oper von Charles Wuorinen, für die Proulx das Libretto verfasste, um gewissermaßen ihre Sicht der Dinge zu untermauern.

Nun also »Brokeback« (zu Deutsch: Rückschlag) im Stadttheater. In ihrer letzten Regiearbeit als Intendantin bewegt sich Cathérine Miville auf den ersten Blick in ungewohnten Gefilden. Doch trotz der Männerbeziehung handelt es sich um eine profunde Musiktheatertragödie: um eine Liebe, die wegen unüberwindlicher Hürden und Konflikte zum Scheitern verurteilt ist.

Geschildert werden in einem Zeitrahmen von 1963 bis 1983 die Schwierigkeiten der Cow-boys Jack und Ennis, mit ihrer Homosexualität klarzukommen. Beide heiraten - ihre jeweilige Verlobte - und gründen eine Familie. Der Kampf gegen Konventionen endet tragisch. Das Publikum spendet am Schluss der Premiere vom Samstag im Großen Haus lang anhaltenden Applaus für alle Beteiligten.

Miville erzählt von der Weite und Enge nicht nur der Topografie. Die eisige Kälte menschlicher Intoleranz im Bonanza-Ambiente und in der Kleinstadt verströmt einen perfiden Atem. Die Personenführung bleibt etwas schablonenhaft, aber detailwillig, was den atmosphärisch dichten Videos von Marc Jungreithmeier, die Zeit und Raum überbrücken, in Kombination mit dem Lichtdesign von Thomas C. Hase in die Hände spielt.

Lukas Noll hat für die 22 Szenen ein reduziertes Bühnenbild mit kleinen Podesten entworfen. Statt Prospekte lässt er weiße Elemente vom Schnürboden herabhängen, die den Berg konturieren, der so stets zugegen ist. Im Hintergrund ergänzen weitere Ebenen per Video das Geschehen. Die Kostüme von Monika Gora zeigen Cowboys in Reinkultur: Stetson, Jacke, Hemd, Jeans, Stiefel. Die Bilder mit ihren schnellen Übergängen zeichnen die Inszenierung aus.

Der 2020 verstorbene Wuorinen, der allen ernsthaften Komponisten von Dur und Moll abriet, dekliniert sich scharfkantig durchs Tonsystem. Seine minutiös herausgesägte Musik klingt wie ein spartanischer Prokofjew nach der Cannabis-Legalisierung. Der Berg wirkt bedrohlich, manche Klischee-Gattin dramatisch, der gemeine Cowboy staubig und irritiert. Auch Arienverwandtes, Duette und ein Chor sind zu hören. Hier erleidet Wuorinen beinahe einen Rückfall ins Tonale.

Gastauftritt der Waltons

Dirigent Fabrizio Ventura hat im Graben mit dem Philharmonischen Orchester Gießen die ewigen Tempi-Wechsel sicher im Griff. Er spielt mit der Dynamik, hält das Spannungslevel hoch, lässt der Dissonanz Raum.

Bariton Sebastian Noack überzeugt als gestrafter Ennis, an den der Jack von Tenor Samuel Levine stimmlich nicht heranreicht. Die Ehefrauen (Ilseyar Khayrullova und Hailey Clark) singen kraftvoll, optisch wirken sie wie Abziehbilder einer längst vergangenen Epoche. Jacks Eltern (Melinda Paulsen und Dan Chamandy in einem grandiosen Kurzauftritt) erinnern an zerknirschte Waltons. Pawel Lawreszuk und Tomi Wendt sind knorrige Cowboys der alten Schule.

Die Oper beginnt stark und endet ebenso. In der Mitte gibt es zwar weder Längen noch Langeweile, aber Momente, in denen eine Prise Dur und Moll geholfen hätte.


Manfred Merz, 21.02.2022, Gießener Allgemeine Zeitung